Der starke Franken war schlecht für die Uni-Abgänger

Die unteren Einkommen sind in den letzten Jahren stärker gestiegen als die höheren. Für die UBS ist das zum Teil auch auf den starken Franken zurückzuführen.

Daniel Lampart vom Gewerkschaftsbund ist einer der heftigsten Kritiker der Schweizerischen Nationalbank. Der Entscheid von Mitte Januar 2015, den Euromindestkurs aufzuheben, bezeichnete er als eine «der grössten wirtschaftspolitischen Fehlleistungen der letzten Jahrzehnte». Auch der Eurokurs von 1.20 war Lampart zu tief. Wäre es nach ihm gegangen, hätte die Nationalbank den Euro nicht unter 1.30 Franken fallen lassen dürfen und die Bilanz noch weiter aufblähen müssen.

 

Tiefe Einkommen profitieren

 

Glaubt man den Ökonomen der UBS, sind jedoch gerade die unteren Einkommensklassen die Gewinner des Frankenschocks, just die Klientel des Gewerkschaftsbundes. Dies erklärte gestern Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz der UBS. Gleich mehrere Daten unterstützen seine These. So verzeichneten in den letzten Jahren die tiefsten Lohnstufen die höchsten prozentualen Anstiege. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einem Uniabschluss mussten im Schnitt sogar Lohneinbussen hinnehmen. Die Zahlen stammen vom Bundesamt für Statistik (siehe Grafik).

 

Höhere Reallöhne

 

Wenn also die unteren Lohneinkommen höhere prozentuale Zuwächse verzeichnen, so geht es den schlechter Verdienenden relativ besser, besser im Vergleich zu den höheren Einkommensklassen. Dass es ihnen aber seit 2008 auch absolut besser geht, zeigt die Entwicklung der Reallöhne. Gemeint sind die Nominallöhne bereinigt um die Inflation. Von 2008 bis 2016 nahmen sie im Mittel um 1,2 Prozent zu, deutlich mehr als in früheren Perioden. Von 1989 bis 1998 betrug der Reallohnanstieg im Jahresschnitt 0,4 Prozent; von 1999 bis 2007 dagegen 0,7 Prozent.

 

Nun könnte der Anstieg der Reallöhne auch auf andere Umstände zurückzuführen sein. Doch Daniel Kalt sieht hier einen Zusammenhang mit der Frankenstärke. In der Schweiz haben wir eine negative Teuerung, welche eben unter anderem durch die starke Währung hervorgerufen wird. «Die negative Teuerung führte in den vergangenen Jahren zu einem soliden Reallohnanstieg, auch bei gleich bleibendem Nominallohn», erklärte gestern der UBS-Ökonom an einem Medienfrühstück am Paradeplatz in Zürich.

 

Die Löhne der Uni-Abgänger sind im Schnitt tendenziell gesunken. Laut UBS auch dank dem starken Franken.
Die Löhne der Uni-Abgänger sind im Schnitt tendenziell gesunken. Laut UBS auch dank dem starken Franken.

«In der Schweiz haben sich die Einkommen über die letzten zwanzig bis dreissig Jahre sehr viel egalitärer entwickelt als in vielen anderen Industrieländern.» Daniel Kalt begründet das nicht allein mit der starken Währung. Auch das duale Bildungssystem und der liberale Arbeitsmarkt ermöglichten Arbeitnehmenden aus der unteren Mittelschicht, eine hochstehende Ausbildung zu absolvieren.

 

Unternehmer als Verlierer

 

Verlierer der Frankenstärke sind dagegen die Unternehmer, da die Zins- und Finanzerträge schwächer ausfielen. Sie tragen das Währungsrisiko. So fiel der Anteil der Unternehmensgewinne am Bruttoinlandprodukt (BIP) seit 1980 von 22 auf zurzeit noch 15 Prozent.

 

Womit wir wieder beim Chefökonomen des Gewerkschaftsbundes sind. Die Sorge von Daniel Lampart galt insbesondere auch den Unternehmungen, namentlich den KMU, welche unter dem überbewerteten Franken zu leiden hätten. Wenn es ihnen schlecht geht, müssen sie Leute entlassen oder Arbeitsplätze auslagern. Das wiederum war trotz Frankenstärke und trotz anhaltender Nettozuwanderung aus dem EU-Raum nur vereinzelt zu beobachten.

 

 

Erschienen in der BZ am 9. November 2016

Claude Chatelain