Die Jugend ist gegenüber Linken tendenziell kritischer geworden

Befragungen der Jugend gibts schon längst. Neu soll das Denken und Verhalten der 19-Jährigen alle vier Jahre mit einer Langzeitstudie nach der gleichen Methode erhoben werden.

Um es vorwegzunehmen: Professor Karl W. Haltiner wollte gestern höchstens in zweiter Linie erste Ergebnisse der neuen Jugendbefragungen Ch-x vorstellen. Ihm lag eher daran, die breit angelegte und umfangreiche Befragung «Young Adult Survey Switzerland» (Yass) als solche bekannt zu machen. Sie soll Einblick in die Bildung, die Lebensverhältnisse sowie in gesellschaftliche und politische Orientierungen junger Erwachsener in der Schweiz geben.

 

Alte Daten

 

Die ersten ausgewerteten Daten stammen aus Befragungen der Jahre 2010 und 2011. Und derzeit werden die Daten der Jahre 2014 und 2015 ausgewertet. Aussagekräftige Ergebnisse über Trendänderungen könne man aber erst in sechs Jahren nach Auswertung der dritten Befragung erwarten, erklärt Karl W. Haltiner im Gespräch mit dieser Zeitung. Denn ein Kernelement sei die Periodizität. Alle vier Jahre würden den 19-Jährigen nach einheitlichen Methoden die gleichen Fragen gestellt. So könne man Trends und Veränderungen im Denken und Handeln eruieren, bemerkt der wissenschaftliche Leiter der Yass-Studie. Eben: Langzeitstudie statt Momentaufnahme.

 

Studienleiter Karl W. Haltiner, Titularprofessor im Ruhestand der ETH Zürich.
Studienleiter Karl W. Haltiner, Titularprofessor im Ruhestand der ETH Zürich.

Falscher Fokus

 

So ist Haltiner nicht wirklich glücklich darüber, dass Onlinemedien gestern vor allem die bereits fünf Jahre alten Resultate in den Vordergrund schoben. Wenngleich er dafür ein gewisses Verständnis aufbringt. So machte vor allem die Meldung Schlagzeilen, dass die Jugend nach rechts rücke. Eine Feststellung, die Haltiner auch ohne langfristiges Datenmaterial durchaus zu bestätigen vermag. Wobei damit keineswegs gesagt sein soll, dass die Jugend vermehrt zu einer rechtsextremen Geisteshaltung neige. Sie sei aber tendenziell kritischer als früher. Insbesondere auch kritischer gegenüber den Linken, erklärt Haltiner, der selber von der 68er-Bewegung beeinflusst war, wie der Titularprofessor im Ruhestand der ETH Zürich zu erzählen weiss.

 

128 Seiten stark ist der erste Berichtsband, den man auf der Website von Ch-x einsehen kann. Nachfolgend ausgewählte Ergebnisse:

• Politische Ausrichtung: 28 Prozent der Befragten stufen sich politisch links ein, 36 Prozent in der Mitte und 36 Prozent rechts. «Seit dem Jahr 2006 ist damit ein Rechtsrutsch festzustellen», steht im Berichtsband zu lesen. Die politische Ausrichtung der jungen Erwachsenen hängt mit ihrer Bildung sowie mit der politischen Ausrichtung und dem Migrationshintergrund ihrer Eltern zusammen. Die jungen Erwachsenen und ihre Eltern bekennen sich mehrheitlich zur gleichen politischen Position. Haben die Eltern einen Migrationshintergrund, so geht dieser mit einer verstärkten Linksorientierung der jungen Erwachsenen einher.

• Politische Partizipation: Männer sind politisch interessierter als Frauen. Zudem beobachten die Studienautoren, dass die Jungen ausländischer Eltern eher unterdurchschnittlich an nationalen Abstimmungen und Wahlen teilnehmen. Ein Drittel der jungen Erwachsenen gibt an, ehrenamtlich aktiv zu sein.

• Wertorientierung: Neuere Wertestudien weisen darauf hin, dass junge Erwachsene Pflicht und Leistungswerte wieder vermehrt als wichtig erachten. Auch die vorliegende Yass-Studie zeigt: «Pflichtwerte wie zum Beispiel Fleiss und Ehrgeiz sind wichtige Wertorientierungen für einen Grossteil der jungen Erwachsenen in der Schweiz.» Traditionelle Werte hingegen würden aktuell am wenigsten wichtig erachtet. Am wichtigsten sei ein solides soziales Netz sowie die Möglichkeit, das Leben unabhängig und eigenverantwortlich zu gestalten. Für junge Männer aus der Deutschschweiz sind materialistische Wertorientierungen wichtiger als für ihre Miteidgenossen aus dem Tessin und der Romandie. Letztere stufen idealistische Werte als wichtiger ein.

• Lesekompetenzen: Junge Männer und Frauen lesen etwa gleich viel. Einzig in der Wahl der medialen Textform zeigen sich Abweichungen: Bücher stossen vorwiegend bei jungen Frauen auf Interesse. 31 Prozent der jungen Frauen lesen täglich und 22 Prozent mindestens einmal pro Woche in einem Buch. Von den jungen Männern hingegen nehmen nur 13 Prozent täglich und 14 Prozent einmal pro Woche ein Buch zur Hand.

 

 

Erschienen in der BZ am 5. November 2016

Claude Chatelain