Den Spitalversicherungen sterben die Kunden aus

Spitalkostenversicherungen sind ein Auslaufmodell – zum Leidwesen von Krankenkassen, Spitälern und Belegärzten. Für Versicherte ist das nicht weiter tragisch: Allgemeinversicherte profitieren von einem immer besseren Komfort.

Spitalzusatzversicherungen sind teuer. Trotzdem schrecken Schweizerinnen und Schweizer nicht davor zurück, jährlich zwischen 1000 und 4000 Franken für eine halbprivate Spitalkostenzusatzversicherung hinzublättern. Für die private Variante sind es deutlich mehr. Laut Schätzungen dürfte das Prämienvolumen für stationäre Spitalversicherungen etwas über 3 Milliarden Franken ausmachen. Tendenz rückläufig.

 

Attraktivität nimmt ab

 

Konkrete Zahlen wollen Krankenversicherer nicht nennen. «Wir geben im Zusatzversicherungsbereich keine genauen Bestandeszahlen bekannt», heisst es etwa bei der Helsana. Dass aber die Attraktivität solcher Versicherungen im Abnehmen begriffen ist, liegt auf der Hand. Da ist sicher mal der Kostenfaktor. Wenn die Prämien für die obligatorische Grundversicherung Jahr für Jahr steiler ansteigen als das Lohneinkommen, liegen solche Luxusversicherungen für manches Budget nicht mehr drin.

Und Luxusversicherungen sind die Spitalkostenzusatzversicherungen im Laufe der Jahre tatsächlich geworden. Viele haben solche abgeschlossen, um bei einem Spitalaufenthalt nicht in einem Sechser- oder Achterschlag liegen zu müssen. Zur Erinnerung: Halbprivatversicherte können sich im Zweierzimmer und Privatversicherte gar im Einerzimmer pflegen lassen. Überdies werden Zusatzversicherte nicht vom Assistenzarzt operiert, sondern vom Chef. Man nennt dies freie Arztwahl.

 

Gesucht: Achterzimmer

 

Achterzimmer gibts kaum noch; auch Sechser- und Viererzimmer werden immer seltener. Neuere Spitäler haben nur noch Zimmer mit höchstens zwei Betten. «Je mehr Betten im Zimmer, desto schwieriger ist es, eine optimale Auslastung zu erzielen», erklärt Spitalexperte Beat Straubhaar. Zudem seien die stationären Patienten heute im Schnitt kränker als früher. Viele Operationen, welche früher einen Spitalaufenthalt zur Folge hatten, würden heute ambulant erledigt. «Auch der allgemeinversicherte Patient erwartet heute, in einem Zweierzimmer liegen zu dürfen», erklärt Straubhaar, der bis vor wenigen Monaten interimistisch die Spitäler Männedorf und Affoltern am Albis leitete. Zudem könne man Patienten nicht willkürlich mischen. Sie müssten nicht nur nach Geschlecht getrennt werden, sondern auch nach anderen Kriterien. Patienten mit einer Infektionskrankheit würden automatisch ein Einzelzimmer erhalten, auch wenn sie «nur» allgemeinversichert seien. Daher beschränkt sich der wirkliche Vorteil einer Spitalzusatzversicherung auf die freie Arztwahl. Wobei auch dieser Bonus zu relativieren ist. Wer notfallmässig operiert werden muss, kann den Arzt oder die Ärztin nicht wählen. Zudem: «Es gibt nur wenige Belegärzte, die es sich leisten können, nur zusatzversicherte Patienten zu operieren», weiss Felix Schneuwly, der Krankenkassenexperte von Comparis und frühere Sprecher von Santésuisse.

 

Kein Geld in Solothurn

 

Derzeit könnte noch ein dritter Grund dazu führen, dass Versicherte keine Lust verspüren, für Zusatzversicherungen viel Geld auszugeben: die Tarifstreitigkeiten zwischen Spitälern und Krankenkassen. Sie münden darin, dass Zusatzversicherten die freie Spitalwahl entzogen wird. Das weckt kein Vertrauen ins Produkt. Entsprechende Erfahrungen machen zur Zeit Helsana-Versicherte aus dem Kanton Solothurn. Kostengutsprachen für das Bürgerspital Solothurn, das Kantonsspital Olten und das Spital Dornach werden von der Helsana abgelehnt, weil sie sich mit der Solothurner Spitäler AG nicht auf einen Tarifvertrag zu einigen vermochte. Zusatzversicherte der Helsana müssen auf ein umliegendes Spital ausweichen oder mit dem Komfort der allgemeinen Abteilung vorliebnehmen, erhalten dafür aber immerhin eine Abgeltung von 1000 oder 1500 Franken.

 

Vor einem Jahr machten KPT-Kunden eine ähnliche Erfahrung, als die ehemalige Beamtenkasse mit der Westschweizer Genolier-Gruppe über einen neuen Tarif stritt.

 

Flex ist die Rettung

 

Um die vor dem Aussterben bedrohten Spitalkostenzusatzversicherungen zu retten, führten die Krankenkassen vor über zehn Jahren flexiblere und deutlich günstigere Modelle ein. Hier entscheidet der Versicherte vor dem Spitaleintritt, ob er allgemein, halbprivat oder privat liegen will. Entscheidet er sich für eine luxuriösere Variante, zahlt er einen Selbstbehalt von einigen Hundert oder gar Tausend Franken. Doch viele Flex-Versicherte ziehen es beim Spitaleintritt vor, auf ein Upgrading zu verzichten und sich damit den Selbstbehalt zu sparen. Der Anteil der Flex-Versicherten, die sich für die allgemeine Abteilung entscheiden, dürfte laut Schätzungen von Stephan Wirz vom Maklerzentrum in Basel bei 50 Prozent liegen. Die CSS bestätigt diese Schätzung.

 

Krankenkassen sind fein raus

 

Den Krankenkassen kann dies nur recht sein. Sie haben die Prämieneinnahmen solcher flexiblen Spitalversicherungen, ohne für das Upgrading im Spital zahlen zu müssen. Unerfreulich ist dieser Trend für Spitäler und Belegärzte, die dadurch keinen Zusatzertrag beziehungsweise kein Zusatzeinkommen generieren.

 

Noch gibt es viele ältere Versicherte, die sich sagen, sie hätten nun all die Jahre die Prämien bezahlt. Es wäre ärgerlich, wenn sie für längere Zeit ins Spital müssten und den Versicherungsschutz nicht mehr hätten, für den sie über all die Jahre Tausende von Franken hinblätterten. Doch bei jüngeren Personen wird es laut Felix Schneuwly immer schwieriger, sie vom Vorteil einer Spitalversicherung zu überzeugen. «Den Spitalzusatzversicherungen sterben die Kunden aus.»

 

 

 

 

Alternativvorschlag

Viele Personen schliessen in jüngeren Jahren eine Spitalkostenzusatzversicherung ab, brauchen sie jedoch erst in fortgeschrittenem Alter. Das Risiko einer Operation wächst mit steigendem Alter. Statt monatlich der Krankenkasse die Prämie für die Spitalkosten- zusatzversicherung zu überweisen, könnte man das Geld ebenso gut auf ein separates Bankkonto transferieren. In einem Jahr kämen je nach Alter und Produkt 1000 bis 5000 Franken zusammen. Und wenn eine Operation ansteht, geht man zum Arzt, von dem man operiert werden möchte, und verlangt eine Offerte.

Nur: Ist das überhaupt rechtens? Jede im Gesundheits-wesen tätige Person wird bestätigen, dass das häufig so gemacht wird. Was jedoch nicht heissen will, dass es legal ist. «Solche Zusatzhonorare für Grundversicherte ohne Zusatzversicherung sind illegal und verstossen gegen das Krankenversicherungs-gesetz», erklärt die Ärztevereinigung FMH in ihrer schriftlichen Antwort. Freilich gibt es Fälle, bei denen eine Abrechnung ausserhalb des offiziellen Tarifs

möglich ist, erklärt Urs Stoffel, Mitglied des FMH-Zentralvorstandes und früherer Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft. Das Bundesgericht habe dies zugelassen, «wenn es um die Vergütung echter Mehrleistungen geht, die über den Leistungsumfang der obligatorischen Krankenversicherung hinausgehen». Es müsse sich jedoch «um echte Mehrleistungen handeln». Die Leistung müsse ein «Plus» darstellen, wie es das Bundesgericht formuliert habe.

 

 

Was bei einem stationären Aufenthalt als «echte Mehrleistung» des Arztes zu betrachten ist, dürfte kaum allen klar sein. Für den Zürcher Sozialversicherungsexperten Ueli Kieser ist bereits die freie Arztwahl eine echte Mehrleistung, da man ja sonst in der allgemeinen Abteilung den Arzt nicht frei wählen könne. Ob das auch die Bundesrichter so sehen? 

 

 

Erschienen in der BZ am 25. Oktober 2016


Claude Chatelain