Vierte Säule: Die Alten sind an allem schuld

Zumindest die Prämienexplosion bei den Krankenkassen kann man den Alten nicht in die Schuhe schieben.
Zumindest die Prämienexplosion bei den Krankenkassen kann man den Alten nicht in die Schuhe schieben.

Die Alten sind an allem schuld. Sie leben im Schnitt länger, deshalb muss die AHV saniert werden und deshalb sind die Renten der zweiten Säule nicht mehr finanziert. Und Selbstverständlich sind die Alten auch mitschuldig, dass die Kranken-kassenprämien beharrlich steigen.

Selbst Sozialminister Alain Berset nannte gestern den demografischen Wandel als einen der Gründe für die anhaltende Prämiensteigerung im Gesundheitswesen – neben dem medizinischen Fortschritt und dem medizinisch nicht begründbaren Mengenwachstum.

 

Das tönt plausibel, hält aber einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand, wie Urs P. Gasche, ein profunder Kenner der Gesundheitspolitik, wiederholt monierte. Der ehemalige «Kassensturz»-Moderator ist überzeugt, dass die Alterung der Bevölkerung die Kosten längst nicht so stark beeinflusst wie gemeinhin behauptet. Er stützt sich dabei auf Erkenntnisse des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan. Danach sind die Ausgaben der Krankenkassen von 1998 bis 2010 um 77 Prozent gestiegen. Doch nur 6,5 Prozent des Kostenwachstums sind laut Obsan auf die Alterung zurückzuführen. 14,4 Prozent seien dagegen mit der Zunahme der Bevölkerung zu erklären, schrieb Gasche am 7. Mai 2016 im Internetportal «Infosperber».

 

Das ist der Hammer. Nicht die Alten sind schuld, sondern die Einwanderer. Sie verstopfen also nicht nur unsere Strassen und Züge – sie sorgen auch für höhere Krankenkassenprämien. Nochmals: Nicht ich sage das, sondern Obsan.

 

Gestern hat sich übrigens Urs P. Gasche im «Infosperber» auch zu den aktuellen Krankenkassenprämien geäussert. «Es wimmelt von faulen Ausreden und Halbwahrheiten. Kaum jemand wagt es, das Übel der Kostenexplosion an der Wurzel zu packen.»

 

Ich greife hier nur eines der von Gasche genannten Probleme heraus: die Ärzteschwemme. 1980 genügte in der Schweiz ein Arzt pro 406 Einwohner. Ende 2013 gab es einen Arzt pro 250 Einwohner.

 

Erschienen in der BZ am 27. September 2016

Claude Chatelain