Brexit - na und?

«Falls die Engländer dem Brexit zustimmen, gibt es an den Börsen Turbulenzen.» So der Tenor im Vorfeld der historischen Abstimmung vom 23. Juni 2016. Drei Monate später sind die Aktien teurer als vor der Abstimmung.

Treffender kann man es kaum formulieren: «Das Votum des Vereinigten Königreichs für den Austritt aus der EU ist dabei, sich zum grössten Nichtereignis des Jahres zu entwickeln.» Das sagte Daniel Gros, Direktor des Centre for European Studies. 

 

Auch die Börsen reagierten nicht so, wie das die Auguren bei einem Ja prophezeit hatten. Die Kurse gaben zwar nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses nach. Doch nur wenige Tage darauf gings wieder bergauf. Eindrücklich präsentiert sich die Entwicklung des Deutschen Aktienindexes (DAX). Am Tag des Brexit, dem 24. Juni, verlor er nach dem überraschenden Verdikt 6,82 Prozent. Heute liegt er nicht nur über dem Schlussstand von jenem Freitag, sondern auch über dem Schlussstand vom 23. Juni, dem Tag vor der Abstimmung (siehe Tabelle).

  Schlusskurse        
    Vor Brexit    Nachher Differenz   Gestern   Diff.zu   Diff.zu
        23.6.      24.6.    in %      19.9.    23.6.   24.6.
SMI 8023.05   7747.18     -3.44     8195.76      2.15    5.79
SPI 8683.57 8395.77    -3.31      8921.02      2.73    6.26
Dax 10257.03 9557.16    -6.82 10378.05      1.18    8.59
Dow Jones 17960.92 17544.84    -2.32   18214.57      1.41    3.82
EuroStoxx50 3037.86 2776.09    -8.62     2970.11     -2.23      6.99
FTSE100 6338.10 6162.97    -2.76     6813.55      7.50   10.56
CAC40 4465.90 4106.73    -8.04     4394.19     -1.61    7.00
             
ABB 20.63 19.6    -4.99        21.65     4.94   10.46
CS Group 13.06 11.24 - 13.94        12.78    -2.14   13.70
Geberit 378.30 367.5    -2.85      422.20     11.60   14.88
LafargeHolcim 43.48 39.74 -   8.60        50.10    15.23   26.07
Nestlé 72.35 71.5    -1.17        77.10     6.57    7.83
Novartis 76.95 75.75    -1.56        78.60     2.14    3.76
Roche GS 246.50 241    -2.23       242.50    -1.62    0.62
UBS 15.31 13.6  -11.17        13.48  -11.95   -0.88
 

 

Footsie profitiert vom Brexit

 

Auch die englische Börse hielt sich nicht ans Drehbuch der Gurus. Der FTSE-100, im Jargon Footsie genannt, verlor nach der Abstimmung nur wenig und gewann seither ziemlich viel: plus 8,88 Prozent. Börsianer haben immer eine Erklärung parat, wenn es anders läuft als prognostiziert. Im Fall der britischen Aktien begründen sie den Kursanstieg mit dem Kurszerfall des britischen Pfunds. Eine plausible Erklärung, von der aber vor der Abstimmung kaum die Rede war.

 

Auch für den im Verhältnis zu anderen Indizes bescheidenen Kursrückgang von Swiss-Market-Index (SMI) und Swiss-Performance-Index (SPI) finden Börsianer eine Erklärung. Nestlé, Novartis und Roche machen in diesen Indizes gegen 60 Prozent aus. Und weil konjunkturresistente Branchen wie die Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie in unsicheren Zeiten profitieren, sind SMI und SPI nach dem Brexit-Entscheid weniger stark gefallen.

 

Und sollte es einem Beobachter entgangen sein: Der berühmte Dow-Jones-Index und der für die US-Börse relevantere S&P-500 erklommen Wochen nach der Abstimmung historische Höchststände.

 

«Heftige Erschütterungen»

 

All das wäre höchstens eine Randnotiz wert, wenn die Ökonomen nicht mit Horrorszenarien vor einem Brexit gewarnt hätten. Stellvertretend für viele andere sei hier Thomas Steinemann zitiert. Auf «SRF Börse» im Schweizer Fernsehen sagte er am Tag vor der Abstimmung: «Ich glaube, es würde bei einem Brexit ein starkes Minus geben. Die Erschütterungen wären heftig», orakelte der Anlagechef der Zürcher Privatbank Bellerive. Die Börsen würden sehr stark negativ reagieren (...) Die Reaktionen wären massiv.

Leider hat es der Experte versäumt, dem interessierten Zuschauer zum Kauf von Aktien zu raten, sollten die Briten wider Erwarten dem Austritt aus der EU zustimmen. Man hätte dann die Aktien zu tieferen Einstandspreisen ergattern können.

 

Doch warum eigentlich diese düsteren Prognosen? Die Antwort mit einem Wort: Unsicherheit. Bekanntlich verabscheut der Börsianer nichts so sehr wie Unsicherheit. Man könne nicht abschätzen, wie sich der Brexit aufs Wirtschaftswachstum und auf die Unternehmensgewinne auswirken werde, hiess es. Gemäss Lehrbuch hätten deshalb die Aktien unter Druck kommen müssen.

 

Womöglich ist das mit der grossen Unsicherheit für viele Investoren zu weit hergeholt. Sollte das Vereinigte Königreich durch den Brexit 2 bis 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) verlieren, wie das etwa kolportiert wird, so wäre das laut Daniel Gros zu relativieren, weil der Verlust nicht auf einen Schlag erfolgt. «Erweist sich der Austritt als zehnjähriger Prozess, würden die Verluste über diesen Zeitraum verteilt anfallen und etwa 0,2 bis 0,3 Prozent des BIP kosten», schreibt Gros in der «Finanz + Wirtschaft».

 

Wieder handelte Draghi

Zudem schienen die Prognostiker mit ihren Untergangszenarien nicht mit Mario Draghi gerechnet zu haben. Aus Angst vor einer flächendeckenden Rezession öffnete der Chef der Europäischen Zentralbank die Geldschleusen noch stärker als zuvor. Wie man weiss, fliesst das viele Geld bei diesen Massnahmen nicht in die reale Wirtschaft, wie das eigentlich zu wünschen wäre, sondern in die Finanzmärkte, was das Kursrallye zusätzlich anfeuerte.

 

Ökonomen wollten ihre krasse Fehleinschätzung noch nicht wahrhaben: «Die Aktieninvestoren sind vielleicht etwas zu selbstzufrieden, was die Risiken aus der Abstimmung betrifft», schrieb Swiss Life im «Finanzmarkt- und Volkswirtschaftsausblick Juli 2016». Und Harvard-Professor Kenneth Rogoff wiederholte eben erst in einem Interview, dass die Brexit-Abstimmung ein historischer Fehler gewesen sei, «der Europa ins Chaos stürzen könnte».

 

Zumindest Investoren scheinen hier anderer Meinung zu sein. Und schliesslich bestätigte sich eine alte Börsenweisheit: Politische Börsen haben kurze Beine.

 

Erschienen in der BZ am 20. September 2016

 

Claude Chatelain