Helsana zeigt ihre Muskeln

Helsana hat die Tarifverträge für die Zusatzversicherung  mit den Zürcher Spitälern auf Ende Jahr gekündigt. Droht ein Tarifstreit, wie er derzeit in Solothurn tobt? Krankenversicherer sind zunehmend gewillt, bei vertragslosem Zustand die Kostenübernahme für die Spitalversicherung zu verweigern.

Helsana ist der grösste Krankenversicherer der Schweiz. Und so tritt er auch auf.  Seit Anfang Jahr liegt der Branchenprimus mit der Solothurner Spitäler AG im Streit. Eine Einigung  über neue Tarife in der Spitalkostenzusatzversicherung ist nicht in Sicht. Deshalb zahlt Helsana für die halbprivate oder private Deckung  auch nichts. Bei Kostengutsprachegesuchen bietet Helsana drei Möglichkeiten an:  Halbprivat- und privatversicherte Kunden weichen auf ein umliegendes Spital aus. Sie können — zweitens —  die allgemeine Abteilung wählen, dann erhalten Halbprivatversicherte von der Helsana eine pauschale Entschädigung von 1000 Franken und Privatversicherte von 1500 Franken. Als dritte Option bei vertragslosem Zustand bleibt die Übernahme der Differenz zu Lasten des Versicherten.
Das gleiche Schicksal droht nun Versicherten im Kanton Zürich. Helsana hat die Tarifverträge mit allen Zürcher Spitälern auf Ende Jahr gekündigt. Das Beispiel Solothurn zeigt, dass Ungemach droht. Auch die Berner Spitäler taten sich im letzten Jahr bei Tarifverhandlungen mit Helsana  schwer.  Statt mit dem Verbund «Die Spitäler» zu verhandeln, bei dem die öffentlichen Spitäler des Kantons Bern angeschlossen sind,  macht Helsana mit jedem einzelnen Spital einen separaten Tarifvertrag.


KPT machte es vor


Dass sich Krankenkassen weigern, aufgrund fehlender Tarifverträge die Kosten ihrer Zusatzversicherten zu übernehmen, ist nicht ganz neu. Vor einem Jahr  legte die Berner KPT ihren zusatzversicherten Kunden nahe, sich nicht in einem der 15 Spitäler der Genolier-Gruppe behandeln zu lassen. Man werde die Kosten nicht übernehmen. Der Tarifstreit ist mittlerweile beigelegt.


Spitalversicherung unter Druck


Für den Spitalexperten Beat Straubhaar, der bis vor wenigen Monaten  interimistisch die Spitäler Männedorf und Affoltern leitete,  ist das nur der Anfang. «Der Druck auf die Krankenkassen nimmt zu, deshalb werden sie sich vermehrt gegen vermeintlich überhöhte Tarife zur Wehr setzen». Denn wenn die Prämien für die Grundversicherung Jahr für Jahr steigen, werden mehr und mehr Versicherte nicht darum herum kommen, anderswo zu sparen, etwa bei der Spitalkostenzusatzversicherung. Zudem müsse man sich schon fragen, ob allein die freie Arztwahl den Preis einer Spitalzusatzversicherung noch wert sei, ist doch die freie Arztwahl  oft noch das alleinige Unterscheidungsmerkmal zwischen der Grund-und der Zusatzversicherung.


Gerade jüngere Patienten zeigen wenig Neigung, Geld für eine Spitalversicherung auszugeben. So sind die Kassen selbstredend bestrebt, möglichst günstige Prämien anbieten zu können. Das geht nur, wenn die Spitäler vernünftige Tarife verlangen.


Doch warum sind solche Streitigkeiten nicht schon früher entbrannt? Zum einen wegen des beretits genannten Drucks auf die Spitalzusatzversicherung, wie es Beat Straubhaar schon erwähnte. Zum anderen auch wegen der neuen Entschädigungsstruktur, genannt  DRG (Diagnosis Related Groups), was man als Fallpauschale umschreiben kann. «Wir bevorzugen Tarifverträge, die auf dem DRG basieren», sagt Reto Egloff, der Geschäftsleitungsvorsitzende der KPT.


Win-win-win-Situation


Gesundheitsökonom Heinz Locher findet Gefallen daran, dass die Kassen nicht mehr jeden Tarif akzeptieren. «Es gibt immer noch Ärzte, die ein Künstlerhonorar verlangen». Spitäler und Ärzte hätten zum Teil noch nicht begriffen, dass es sich bei Tarifverhandlungen um eine Win-win-win-Situation gehe. Gewinner seien Ärzte, Spitäler und Kassen. Sie könnten aber nur bei moderaten Tarifen gewinnen. Das Geschäft mit den Spitalzusatzversicherungen sei gefährdet.


Fraglich ist, wie weit die Versicherten ihre Zusatzversicherung bei einer Kasse abschliessen wollen, die wegen eines Tarifstreits die anfallenden Kosten nicht übernehmen will. Auch die CSS konnte sich mit den Solothurner Spitälern noch nicht einigen  —  zahlt aber die Leistungen im Unterschied zu Helsana trotzdem.                           

 

Erschienen in der BZ am 20. September 2016

Claude Chatelain