Vierte Säule: Ein Gespräch über AHV-plus

Kürzlich fand mit einem Redaktionskollegen ungefähr folgendes Gespräch statt:

Er: Clödu, du hast angeblich gesagt, die Initiative «AHV plus» sei eine gute Sache. 
Ich: So habe ich es nie gesagt. 


Er: Aber du sollst eine gewisse Sympathie haben dafür. 
Ich: Ja, weil ich dann pro Monat 235 Franken mehr erhielte; 2820 Franken pro Jahr; 56 400 Franken auf 20 Jahre.

 
Er: So alt wirst du gar nicht. 
Ich: Ich stimme weder links noch rechts. Ich stimme hinten rechts – mit dem Portemonnaie. Hahaha.

 

Er: Die Sache ist zu ernst, um Witze zu reissen. Man kann doch nicht so egoistisch denken. Höhere AHV-Renten sind nicht finanzierbar. 
Ich: Nicht finanzierbar? Solche Lügen rufen bei mir einen Abwehrreflex hervor. Die Finanzierung der AHV ist nicht eine Frage des Könnens, sondern des Wollens, nicht eine Frage der Finanzierung, sondern des politischen Willens. 


Er: Wie soll man das denn finanzieren? 
Ich: Via Lohnabzüge fliessen pro Jahr 53 Milliarden in die zweite Säule, hingegen bloss 30 Milliarden in die erste. Man sollte die erste auf Kosten der zweiten Säule stärken. 

 

Er: Das steht nicht zur Debatte.

Ich: Schade. 


Er: Du schürst den Generationenkonflikt. 
Ich: Der Generationenkonflikt wird von Wirtschaftsvertretern geschürt, die sich für ein höheres Rentenalter starkmachen, obschon sie die Alten gar nicht mehr anstellen wollen. Das ist zynisch.


Er: Eine Erhöhung des Rentenalters ist im Parlament derzeit chancenlos. 

Ich: Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Immerhin will die Mehrheit der nationalrätlichen Sozialkommission das Rentenalter erhöhen. Wer heute so was fordert, will gar keine Reform, weil sie zum Scheitern verurteilt ist. Da muss man sich nicht wundern, wenn das Volk als Protest gegen das Establishment einer Erhöhung der AHV zustimmt.


Er: Bei deinem Alter wärst du von einer Erhöhung des Rentenalters eh nicht betroffen. 
Ich: Siehst du? Ich bin eben doch nicht so egoistisch. 


Er: Stimmst du jetzt Ja oder Nein? 

Ich: Der Kopf sagt Nein, weil sonst die Reform beider Säulen begraben werden müsste. Damit ginge für die Reform der zweiten Säule zu viel Zeit verloren. Das Herz sagt Ja, weil ich die Angstmacherei der Initiativgegner schlecht ertrage.


Er: Du hast meine Frage nicht beantwortet.

 

Erschienen in der BZ am 20. September 2016

Claude Chatelain