Vierte Säule: Von den drei Säulen verfügt die zweite über die stärkste Lobby

Was wurde doch unser Land von Pensionskassenskandalen heimgesucht: Ascoop, Eidgenössische Versicherungskasse, Bernische Lehrerversicherungskasse (BLVK), Personalvorsorge des Kantons Zürich (BVK), SBB-Pensionskasse und aktuell die Personalvorsorgestiftung Bolligen-Ittigen-Ostermundigen. 

Manchmal führte kriminelle Energie zum Desaster, manchmal Misswirtschaft, manchmal eine falsche Anlagestrategie, doch in fast allen Fällen musste der Steuerzahler blechen. Und meistens haben die Versicherten Sanierungsbeiträge zu leisten und tiefere Leistungen in Kauf zu nehmen. Sie hatten einfach das Pech, beim falschen Arbeitgeber angestellt zu sein. 

 

Asip-Direktor Hanspeter Konrad will nicht die erste und zweite Säule gegeneinander ausspielen.
Asip-Direktor Hanspeter Konrad will nicht die erste und zweite Säule gegeneinander ausspielen.

Hanspeter Konrad, Direktor beim Pensionskassenverband Asip, meinte jüngst an einer Medienkonferenz, es sei nicht «zielführend», die erste und die zweite Säule gegeneinander auszuspielen. Wäre ich Interessenvertreter der zweiten Säule, würde ich das Gleiche sagen. Ich betrachte mich aber als freien Geist und finde es durchaus zielführend, Stärken und Schwächen dieser beiden Säulen näher zu betrachten.

 

Vom hochgelobten Dreisäulensystem ist die zweite Säule jene mit der stärksten Lobby und den grössten Skandalen. Sie ist auch extrem kompliziert, hat viele Mitesser, ist mit unverständlichen Begriffen durchsetzt und sauteuer. Für Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist sie jedenfalls teurer als die erste, wie in dieser Spalte zu lesen war: Knapp 30 Milliarden Franken zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer pro Jahr in die AHV, beide gleich viel. In die zweite Säule zahlen sie hingegen 53 Milliarden Franken ein.

 

Gemäss einer Umfrage von GFS Zürich zöge jeder Fünfte das Kapital der Rente vor, wenn er heute vor der Wahl stünde. Ein Jahr zuvor hatten sich bei dieser jährlichen Umfrage nur halb so viele für die Auszahlung des gesamten Kapitals ausgesprochen. Wenn das kein Misstrauensvotum ist. Kein Wunder, hüten sich Lobbyisten der beruflichen Vorsorge davor, die erste und die zweite Säule gegeneinander auszuspielen.

 

 

Erschienen in der BZ am 13. September 2016

Claude Chatelain