Hotline: Job weg und freigestellt

Einstelltage, Zwischenverdienst, Rahmenfrist, Wartetage – es sind dies Begriffe aus der Welt der Arbeitslosenversicherung, die nicht immer verständlich sind. Ausgewählte Fragen und Antworten der Ratgeberhotline von letzter Woche.

1. Ich habe gehört, wer nach Alter 61 entlassen werde, könne bis zur ordentlichen Pensionierung Arbeitslosentaggeld beziehen. Stimmt das?

Im Prinzip ja. Über 55-Jährige haben Anspruch auf 520 Taggelder. Bedingung ist, dass man innerhalb der vorangegangenen zwei Jahre mindestens 22 Monate Beiträge zahlte. Die maximal 520 Taggelder müssen innerhalb einer bestimmten Frist bezogen werden, der sogenannten Rahmenfrist. Sie beträgt normalerweise zwei Jahre. Doch für Personen, die mit Alter 61 unfreiwillig entlassen werden, beträgt die Rahmenfrist höchstens vier Jahre – das gilt jedoch nur, wenn man sich weniger als vier Jahre vor der ordentlichen Pensionierung anmeldet.

 

2. Ich habe einen Bruttolohn von 6000 Franken im Monat. Wie viele Franken erhalte ich bei einer Arbeitslosigkeit netto?

Das kann man so nicht sagen, weil die Anzahl bezahlter Taggelder von Monat zu Monat variiert, je nach Arbeitstagen pro Monat. Sicher sagen kann man, dass vom Bruttobetrag eines Monats für AHV, IV und EO 5,125 Prozent in Abzug gebracht werden. Der Abzug für Nichtberufsunfall beträgt 2,63 Prozent. Dann gibt es noch einen bescheidenen Abzug für die BVG-Risikoprämie, deren Höhe sehr kompliziert zu berechnen ist.

 

Andreas Liechti, Arbeitslosenkasse Kanton Bern, stellvertretender Leiter Zahlstelle Gümligen.
Andreas Liechti, Arbeitslosenkasse Kanton Bern, stellvertretender Leiter Zahlstelle Gümligen.

 3. Habe ich Anspruch auf Arbeitslosentaggelder, wenn ich selber kündige?

Ja, sofern die Anspruchsberechtigung erfüllt ist. Zudem haben Sie Einstelltage zwischen 31 und 60 Tagen in Kauf zu nehmen, je nach dem Grund Ihrer Kündigung. Die Zahl der Einstelltage ist abhängig vom Grad der Selbstverschuldung. Wenn Sie zum Beispiel eine Stelle kündigen müssten, weil Sie eine bestimmte Allergie haben, die sich mit der aktuellen Tätigkeit verschlimmert, so ist das nicht das Gleiche, wie wenn Sie kündigen, weil Ihnen die gegenwärtige Arbeit stinkt und Sie sich verändern wollen. Achtung: Einstelltage sind nicht mit Wartetagen zu verwechseln. Die Wartetage betragen 0 bis 20 Tage, je nach Einkommen. Also: Unter Umständen hat ein Stellensuchender, der freiwillig seinen Job quittierte, 20 Wartetage plus 60 Einstelltage in Kauf zu nehmen. Der Anspruch auf Arbeitslosentaggelder beginnt somit erst nach 80 Tagen.

 

4. Mir wird vielleicht mit 60 gekündigt. Ich würde mir dann die Rente nehmen. Wird sie am Taggeld angerechnet?

Ob Sie sich für die Rente entscheiden oder sich das Pensionskassenkapital auszahlen lassen, ist für die Arbeitslosenversicherung dasselbe. Die Vorsorgeleistungen werden dem Taggeld angerechnet. Für die Berechnung wird das Kapital aufgrund einer Umrechnungstabelle in eine Rente umgewandelt. Wenn Sie hingegen Ihr Pensionskassenguthaben auf ein Freizügigkeitskonto überweisen lassen, so wird das Geld nicht angerechnet.

 

5. Ich habe gelesen, dass sich ein Zwischenverdienst in jedem Fall lohnt. Gilt das auch für den Fall, dass der Zwischenverdienst gleich hoch ist wie der vorgängige Lohn?

Grundsätzlich ja. In diesem Fall spricht man aber nicht von Zwischenverdienst, sondern vom zumutbaren Verdienst. Liegt der Verdienst über 70 oder 80 Prozent des Bruttolohns, so gilt der Verdienst als zumutbar. Versicherte erhalten 80 Prozent des versicherten Verdienstes, wenn man Unterhaltspflichten gegenüber Kindern unter 25 Jahren hat. Es gibt dann noch andere Spezialfälle, bei welchen das Taggeld ebenfalls 80 Prozent beträgt. In der Regel, eben ohne unterstützungspflichtige Kinder, beläuft sich das Taggeld auf 70 Prozent des letzten Lohns.

Christa Guggisberg, stellvertretende Leiterin Zahlstelle Biel.
Christa Guggisberg, stellvertretende Leiterin Zahlstelle Biel.

 6. Ich wurde mit 48 Jahren freigestellt und erhalte bis Ende August noch den Lohn. Danach erhalte ich eine Abgangsentschädigung. Habe ich nun ab September Anspruch auf Taggelder?

Die Arbeitslosenversicherung kennt für Abgangsentschädigungen einen Freibetrag von maximal 148'200 Franken. Der darüber liegende Betrag wird als Lohnfortzahlung angerechnet. Somit besteht für die entsprechende Zeit kein Anspruch. Nehmen wir das Beispiel einer Abgangsentschädigung von 200'000 Franken bei einem vorherigen Monatslohn von 10'360 Franken. Die Lohnfortzahlung beträgt 51'800 Franken. Das ist das Fünffache des vorherigen Monatslohns. Somit besteht für fünf Monate kein Anspruch auf eine Arbeitslosenentschädigung.

 

7. Stimmt es, dass das RAV bei der Bewerbung keine Hilfe leistet, dass man sich selber bewerben muss? 

Jein. Richtig ist, dass sich die stellensuchende Person selber bewerben muss. Falsch ist, dass die Regionalen Arbeitsvermittlungsstellen keine Hilfe leisten. Die RAV bieten eine individuelle und lösungsorientierte Beratung an und können Unterstützung im Bewerbungsprozess und im Selbstmarketing bieten, in diesem Fall zum Beispiel mit einem kostenlosen Bewerbungskurs. Zudem unterhalten die RAV unter Job-room.ch eine Datenbank mit offenen Stellen und anonymen Profilen von Stellensuchenden oder geben Gutscheine zu Jobagent.ch ab.

  

 

Erschienen in der BZ am 23. August 2016

Claude Chatelain