"Die Frankenstärke ist das kleinere Übel"

Eric Scheidegger: «Die anhaltende weltweite Tiefzinslage langfristig als das grössere Problem.»
Eric Scheidegger: «Die anhaltende weltweite Tiefzinslage langfristig als das grössere Problem.»
Reiner Eichenberger: «In der Gesamtheit müssen wir weniger arbeiten, können aber mehr konsumieren.»
Reiner Eichenberger: «In der Gesamtheit müssen wir weniger arbeiten, können aber mehr konsumieren.»

Die Klagen über den starken Franken klingen nicht ab, dabei erzielte die Schweiz im letzten Jahr einen rekordhohen Exportüberschuss. Nicht wenige finden daher, die negativen Zinsen seien für die Schweiz schädlicher als die Frankenstärke.

Das Unvorstellbare scheint Tatsache zu werden: negative Zinsen auf Sparguthaben. Was die Alternative Bank bereits offiziell tut, machen andere Banken inoffiziell, indem sie die Gebühren erhöhen, die höher ausfallen als der zu bezahlende Zins.

 

Das Bedenkliche an dieser unbehaglichen Situation: Sie ist nicht von einer fremden Hand herbeigeführt worden. Sie ist gewollt. An jenem 15. Januar 2015, als die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Euromindestkurs aufgab, beschloss sie gleichzeitig die Einführung negativer Zinsen. Andréa Maechler, seit gut einem Jahr Mitglied des Direktoriums der SNB, sagte in einer Rede, der Negativzins habe «als Massnahme bemerkenswert gut funktioniert». Also: negative Zinsen, um den Franken zu schwächen. «Die Schwächung des Frankens ist ein Ziel, die negativen Zinsen sind ein Instrument dazu», sagt Ernst Baltensperger, emeritierter Wirtschaftsprofessor der Universität Bern.

 

Pest und Cholera

 

Die Frage drängt sich auf: Was ist schlimmer für die Schweizer Wirtschaft: der starke Franken oder die negativen Zinsen? Fragt man die Banken, so heisst es klipp und klar: die negativen Zinsen. Fragt man die Industrie, kommt es wie aus dem Rohr geschossen: der starke Franken. Und fragt man unabhängige Wirtschaftswissenschafter, so fällt die Antwort unterschiedlich aus.

«Beides ist unerwünscht», sagt Ernst Baltensperger. Doch Eric Scheidegger, Leiter Wirtschaftspolitik beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), erachtet die anhaltende weltweite Tiefzinslage langfristig als das grössere Problem. Auf absehbare Zeit sei eine Rückkehr zur Normalität schwer denkbar. Die tiefen Zinsen führten längerfristig zu Marktverzerrungen und verleiteten die Wirtschaftsakteure dazu, grössere Risiken einzugehen. Übermässig steigende Vermögenspreise sowie von Tiefzinsen getriebene Kreditbooms seien ein Nährboden für mögliche Finanzkrisen. Was hingegen den starken Franken betreffe, habe die Schweizer Wirtschaft eine jahrelange Erfahrung und zeige immer wieder beeindruckende Widerstandskraft.

 

«Ein Grossteil der Schweizer Exporte besteht aus Produkten wie Uhren, Medikamenten oder spezielle Apparaturen, die wenig auf Preis- und damit Währungsschwankungen reagieren», sagt Scheidegger. Zudem könnten sich Unternehmen gegen Währungsschwankungen absichern, neue Märkte ausserhalb des Euroraums erschliessen oder aufgrund des starken Frankens auch günstiger Vorleistungen beziehen. Dass der Schweizer Exportwirtschaft diese Anpassung gelinge, zeige auch der Aussenhandel im vergangenen Jahr. Trotz Währungsturbulenzen gingen die realen Exporte weniger stark zurück als befürchtet.

 

Schlaraffenland Schweiz

 

Gerade die Handelsbilanz mit ihrem rekordhohen Überschuss ist für Reiner Eichenberger der Beweis, dass der starke Franken für die Schweiz keinen Fluch, sondern einen Segen darstellt. Der Wirtschaftsprofessor der Universität Freiburg erklärt das so: «In der Gesamtheit müssen wir weniger arbeiten, können aber mehr konsumieren». Für eine solche Situation gibt es für Reiner Eichenberger einen Begriff: «Schlaraffenland». Wobei natürlich der Uniprofessor nicht verhehlt, dass der harte Franken einzelne Unternehmen und Branchen vor eine harte Probe stellt. «Die Schweiz ist extrem attraktiv. Sie ist Exportweltmeister. Starker Franken hin oder her.»

 

Massgebend ist der reale Zins

 

Auch was die Negativzinsen betrifft, will Eichenberger die Aufregung nicht teilen. Nicht die nominalen Zinsen seien massgebend, sondern die realen. Also der Zins unter Berücksichtigung der Inflation. Und da in der Schweiz die Preise bei einer Deflation von einem Prozent rückläufig seien, gleichzeitig aber alle Zinsen höher als minus ein Prozent seien, hätten wir einen positiven Realzins.

 

Laut Ernst Baltensperger, bei dem Nationalbankpräsident Thomas Jordan doktorierte, kann die SNB gegenwärtig nicht anders, als die Zinsen unter null zu drücken. Die Ursache des Problems ortet er in Washington und Frankfurt, wo die Zentralbanken die Märkte mit Geld überfluten. Sie seien verantwortlich für die Nullzinsen. «Die Zentralbanken hätten die Geldschleusen schon längst schliessen müssen», sagt der auf Geldtheorie spezialisierte Ökonom.

 

Erhebliche Nebenwirkungen 

 

Der Franken sei strukturell eine starke Währung, so Baltensperger, deshalb müsse das hiesige Zinsniveau unter dem internationalen liegen, sonst würde die Überbewertung des Frankens noch verstärkt. Daran zweifelt jedoch Felix Bill, Leiter der Zürcher Wirtschaftsberatungsfirma Wellershoff & Partners: «Die von der Zinsdifferenz auf den Wechselkurs ausgehenden Effekte sind nur sehr schwach», sagte er am Samstag im «Bund». Negativzinsen seien ein immer noch unerprobtes Instrument mit erheblichen potenziellen Nebenwirkungen.

 

 

Erschienen in der BZ am 15. August 2016

Claude Chatelain