Vierte Säule: Arbeitgeber zahlen mehr in die 2. als in die 1. Säule

Bei der Volksinitiative «AHV plus», die am 25. September an die Urne kommt, sind die Meinungen gemacht: Die politische Linke ist dafür; die Rechte ist dagegen, und die Mitte hat derzeit nichts zu sagen. Es gibt nur Schwarz und Weiss.

Interessant ist das Argument der Rechtsparteien. Sie sagen, die Unternehmen könnten höhere Lohnbeiträge für die Finanzierung der AHV nicht verkraften. Doch geht es um Lohnbeiträge für die zweite Säule, so sind die Arbeitgeber insgesamt betrachtet alles andere als knauserig.

 

Knapp 30 Milliarden Franken zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer pro Jahr in die AHV; beide gleich viel. In die zweite Säule zahlen sie hingegen 53 Milliarden Franken, einen grossen Teil davon freiwillig. Wobei hier die Arbeitgeber insgesamt mehr einzahlen als Arbeitnehmer. Sie tun dies im überobligatorischen Bereich im Interesse ihrer Belegschaft.

 

Nun könnte man also argumentieren, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer alles in allem weniger in die zweite Säule, dafür mehr in die erste Säule einzahlen sollten. Politisch Unabhängige, etwa der Zürcher Titularprofessor Ernst Brugger, plädieren schon längst für eine Stärkung der ersten auf Kosten der zweiten Säule. Diese Forderung ist freilich nicht Gegenstand der Debatte. Denn die Befürworter der Initiative wollen die zweite Säule nicht schwächen. Sie wollen den Fünfer und ds Weggli.

 

Zudem würden die Wirtschaftsvertreter zu einer solchen Umverteilung von der zweiten zur ersten Säule kaum Hand bieten. Wenn die Beiträge für die AHV erhöht werden, profitiert mehr oder weniger die gesamte Bevölkerung. Das nennt man Solidarität. Wenn indessen die Beiträge für die Pensionskasse erhöht werden, profitieren die Mitarbeiter des betreffenden Unternehmens. Wobei die Gutverdienenden überdurchschnittlich profitieren.

 

Wenn also Arbeitgebervertreter, die faktisch und arbeitsrechtlich häufig Arbeitnehmer sind, für höhere Lohnabzüge stimmen, so tun sie das (auch) fürs eigene Portemonnaie.

 

Erschienen in der BZ am 16. August 2016

Claude Chatelain