Kommentar: Die EZB ist mitschuldig an der schlechten Verfassung der Banken

Sollte die europäische Wirtschaft von einer längeren Rezession heimgesucht werden, so bekommen etliche Banken Europas, insbesondere italienische, ein Problem. Das bestätigt der mit Spannung erwartete Stresstest, der gestern am späten Abend veröffentlicht wurde.

Nichts gegen den Stresstest: Dass sich insbesondere italienische Banken in einem besorgniserregenden Zustand befinden, ist hinlänglich bekannt. Die Risiken sind unterschiedlich. Eine lang anhaltende Rezession, wie sie im Stresstest simuliert wurde, ist nur eines davon. Ein anderes Risiko liegt in einer lang anhaltenden Niedrigzinsphase, das jedoch nicht geprüft wurde. Nicht wenige Experten sind jedoch der Meinung, dass eine andauernde Periode tiefer oder gar negativer Zinsen für Banken existenzbedrohend ist.

 

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der europäische Systemrisikorat, der das Vorgehen für den aktuellen Stresstest entworfen hat, von Mario Draghi präsidiert wird, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB). Ausgerechnet er.

Ausgerechnet Mario Draghi stellte die Spielregeln für den Stresstest auf.
Ausgerechnet Mario Draghi stellte die Spielregeln für den Stresstest auf.

Der EZB-Präsident ist mitverantwortlich für die missliche Lage der Banken. Er überflutet die Finanzmärkte mit derart viel Geld, dass es gratis zu haben ist. Der Zins ist ökonomisch betrachtet nichts anderes als ein Preis – der Preis für Geld und Zeit. 100 Franken hätte man lieber heute als erst in einem Jahr. Wer sich bereit erklärt, die 100 Franken erst in einem Jahr zu beziehen, möchte dafür entschädigt werden, eben mit dem Zins. Mit der Nullzinspolitik wird dieser Mechanismus ausser Kraft gesetzt. Wie sollen Banken Gewinne erwirtschaften, wenn das Geld praktisch gratis zu haben ist? Wohl mit Kommissionen aus Wertpapiergeschäften oder mit dem risikobehafteten Investmentbanking. Doch das Kerngebiet ist immer noch das Zinsdifferenzgeschäft: Banken nehmen Spargelder entgegen, die sie verzinsen. Und sie leihen Geld aus, für das sie einen höheren Zins verlangen.

 

Selbstverständlich sind die tiefen Zinsen nicht der alleinige Grund für die schlechte Verfassung gewisser Institute. Zum Teil ist der Ballast, der die Bankaktien in die Tiefe reisst, hausgemacht. Den Italienern macht zudem die lahme Konjunktur zu schaffen, die Mario Draghi mit Stimulierungsmassnahmen beleben möchte. Bisher erfolglos. Statt in die Wirtschaft fliesst das Geld in die Finanzmärkte.

 

Ohne Gemeinschaftswährung hätten die Italiener ihre Währung schon längst abgewertet, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Womit wir beim Ursprung der Misere angelangt wären: dem Euro. Es ist zweifellos zu begrüssen, wenn die europäische Bankenaufsicht eingreift und die Banken zur Äufnung ihres Kapitals verpflichtet. Noch besser wäre es, die EZB würde von ihrem Kamikazekurs abweichen und ihre Nullzinspolitik aufgeben.

 

Erschienen in der BZ am 30. Juli 2016

Claude Chatelain