Kommentar: Die Börsen haben den Brexit schon vergessen

Heute vor einem Monat hat das britische Volk den Austritt aus der Europäischen Union beschlossen. Ziemlich überraschend. 

Aktieninvestoren werden nicht gerne überrascht. Sie verabscheuen unsichere Zeiten. Je unsicherer die Zukunft, desto schwieriger gestalten sich die Prognosen. Deshalb waren sich die Auguren vor der verhängnisvollen Abstimmung einig: Stimmen die Briten wider Erwarten dem Brexit zu, gibt es an den Börsen Turbulenzen. Die Aktienkurse werden in die Tiefe sacken. Sogar von einem Blutbad war die Rede.

 

Heute wissen wir es besser: Die Korrektur war nur von kurzer Dauer. Börsen neigen zu Übertreibungen. Nur einen Monat später liegen die namhaften Börsenbarometer wieder auf dem Niveau, das sie vor der Abstimmung hatten, oder sogar darüber, wie etwa der Swiss-Market-Index (SMI) oder der britische FTSE 100. Der berühmte Dow Jones Industrial und der weniger berühmte, aber umso wichtigere Standard & Poor’s 500 verzeichnen sogar historische Höchstwerte. Nur gerade die Bankentitel vermochten sich nicht zu erholen. Doch bei den unterkapitalisierten Banken Europas ist der Brexit nicht der Kern, höchstens der Sprengsatz des Problems.

Sahra Wagenknecht: «Jedem müsste jetzt klar sein, dass wir etwas ändern müssen, wenn wir nicht wollen, dass Europa weiter zerfällt.»
Sahra Wagenknecht: «Jedem müsste jetzt klar sein, dass wir etwas ändern müssen, wenn wir nicht wollen, dass Europa weiter zerfällt.»

Niemand wird ernsthaft behaupten, dass ein Monat nach der Abstimmung die Unsicherheiten über die wirtschaftlichen Folgen des Brexit verflogen sind. Warum also diese Zuversicht der Aktionäre? Finanzmarktexperten finden immer Gründe, weshalb Aktienkurse steigen oder weshalb sie fallen. Belegt ist, dass die Mehrheit der Ökonomen und Aktienanalysten die kurzfristigen Folgen eines Ja zum Brexit falsch eingeschätzt hat. Sie malten zu schwarz. Mittlerweile sind die Investoren offenbar zur Einsicht gekommen, dass die wirtschaftlichen Folgen eines Austritts Grossbritanniens aus der EU nicht so gravierend sein können, zumal der grösste Teil des Güterverkehrs global und nicht innerhalb der EU-Grenzen reglementiert ist.

 

Und schliesslich kann man durchaus die Meinung vertreten, dass ein Austritt Grossbritanniens mehr Chancen als Risiken birgt. Er könnte für Brüssel ein Weckruf sein. Oder wie es die deutsche Linkspolitikerin und EU-Befürworterin Sahra Wagenknecht in der Zeitung «Die Zeit» sagte: «Jedem müsste jetzt klar sein, dass wir etwas ändern müssen, wenn wir nicht wollen, dass Europa weiter zerfällt.»

 

Erschienen in der BZ am 23. Juli 2016

Claude Chatelain