Kommentar: Der Aktienkurs ist nicht das Ein und Alles

Für Nick Hayek ist das Personal nicht bloss ein Kostenfaktor.
Für Nick Hayek ist das Personal nicht bloss ein Kostenfaktor.

Die Aktie der Swatch Group verlor gestern zwischenzeitlich über 10 Prozent, nachdem der Konzern eine Gewinnwarnung herausgegeben hatte. Er teilte der Öffentlichkeit mit, dass der Umsatz- und Gewinnrückgang im zurückliegenden Semester höher ausfallen werde, als dies gemeinhin erwartet werde. Die Rede ist von einem 50 bis 60 Prozent tieferen Betriebs- und Konzerngewinn.

Bemerkenswert ist die Begründung. Der Gewinnrückgang sei nicht allein auf die Tatsache zurückzuführen, dass der weltgrösste Uhrenkonzern insbesondere in Hongkong weniger Uhren verkauft habe. Swatch begründet die enttäuschenden Zahlen auch mit der «Tradition und Philosophie der langfristigen industriellen Strategie, die Mitarbeiter nicht als blossen Kostenfaktor zu betrachten und weiter zu beschäftigen».

 

Mitarbeiter nicht als blosser Kostenfaktor... Hat man so was von einem börsenkotierten Unternehmen jemals gehört? Vielleicht bei Betriebsbesichtigungen, kaum aber bei Gewinnwarnungen. Doch Swatch ist kein gewöhnliches börsenkotiertes Unternehmen. Die Aktienmehrheit liegt beim Hayek-Pool. Nayla Hayek präsidiert den Verwaltungsrat; ihr Bruder Nick ist Präsident der Konzernleitung. Die Hayeks sind nicht als Abzocker aufgefallen, wie sie etwa im Pharma- oder Bankensektor zu finden sind. Die Credit Suisse beispielsweise zahlt den Aktionären trotz ihrer zu dünnen Kapitaldecke noch Dividenden, von den überrissenen Boni an ihre Manager nicht zu sprechen.

 

 

Zu hohe Boni scheinen die Aktionäre nicht zu stören, solange sie auf ihrem Kapital eine Dividende erhalten. Sie sehen es aber nicht gern, wenn ein Unternehmen von einem einzigen Mehrheitsaktionär oder einer Familie kontrolliert wird. Weshalb das so ist, hat Swatch eben vorgeführt: Der Aktienkurs ist nicht das Ein und Alles. Und die Mitarbeiter sind nicht bloss ein Kostenfaktor.

 

Erschienen in der BZ am 16. Juli 2016

Claude Chatelain