Frauen erhöhen ihre Pensen - Männer reduzieren sie

Politik und Wirtschaft lassen nichts unversucht, damit Frauen die Arbeitspensen erhöhen. Doch Teile der Bemühungen verpuffen, weil mehr und mehr Männer ihren Beschäftigungsgrad reduzieren.

Gehen Arbeitsplätze verloren, gibts sofort ein Geschrei. Dabei fehlt es in der Schweiz nicht an Arbeitsplätzen, sondern an Arbeitskräften. Nur dank einer massiven Zuwanderung aus dem EU-Raum konnte der Arbeitskräftemangel in den letzten Jahren behoben werden. Doch in Zukunft werden zwei Tendenzen den Arbeitskräftenotstand verschärfen: die an der Urne verordnete Einschränkung der Masseneinwanderung und die demografische Entwicklung. In den kommenden zehn Jahren gehen im Schnitt 50 000 mehr Leute in Pension, als nachrücken werden. 2010 sind in der Schweiz rund 35 000 Personen pensioniert worden. Im Jahr 2030 werden es 60 000 sein.

 

Anreize für Mütter

 

So lancierte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann vor fünf Jahren die Fachkräfteinitiative. Zwei Menschengattungen hat er eruiert, welche dieses Manko beheben könnten: Frauen und ältere Arbeitnehmer. Mit Anreizen sollen Mütter dazu bewegt werden, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen oder ihre Pensen zu erhöhen. Zudem sind Bestrebungen im Gang, damit Männer und Frauen nicht vor dem ordentlichen Pensionierungsalter in Rente gehen und womöglich über das Rentenalter hinaus erwerbstätig bleiben (siehe Kasten).

 

Viele Mütter bleiben nur deshalb zu Hause, weil es an Möglichkeiten zur Betreuung ihrer Kinder fehlt. Oder weil die Drittbetreuung derart teuer ist, dass die entsprechenden Auslagen das zusätzliche Einkommen wieder wegfressen. Deshalb gibt es in der Steuererklärung Doppelverdienerabzüge und immer grosszügigere Abzüge für die externe Kinderbetreuung. Zusätzlich werden auf kantonaler wie auch auf nationaler Ebene Kita-Plätze finanziert. All dies, um die zum Teil sehr gut ausgebildeten Frauen für den zum Teil ausgetrockneten Arbeitsmarkt zu gewinnen.

 

Lebensqualität geht vor

 

Während der durchschnittliche Beschäftigungsgrad der Frauen zunimmt, nimmt er aber bei den Männern ab. Offensichtlich geht bei einer wachsenden Zahl von Männern Lebensqualität vor Karriere, zumal mehr und mehr auch die Gattin oder die Partnerin erwerbstätig ist. Die Statistik beweist dies: 1995 hatten 92 Prozent der erwerbstätigen Männer einen Beschäftigungsgrad von 90 oder mehr Prozent. Sie gelten statistisch als vollzeiterwerbstätig. Bis 2015 sank dieser Wert auf 83,6 Prozent. Oder anders gesagt: Der Anteil der Teilzeiterwerbstätigen stieg seit 1995 von 8 Prozent auf über 16 Prozent. Er verdoppelte sich.

Gesellschaftspolitisch ist dieser Trend zu begrüssen, denn die Vereinbarung von Familie und Beruf ist nicht nur ein Anliegen linker Kreise. Doch wenn Mütter zunehmend einer Erwerbstätigkeit nachgehen, müssten Väter vermehrt Erziehungspflichten und Haushaltsarbeiten übernehmen. Auch dies ist familienpolitisch erwünscht. Ob dies aber auch wirtschaftspolitisch erstrebenswert ist, bleibt eine andere Frage. Es droht ein Zielkonflikt.

 

Simon Wey vom Schweizerischen Arbeitgeberverband in Zürich geht davon aus, dass zumindest langfristig die Aufstockung der Pensen bei Frauen stärker ins Gewicht fällt als der verstärkte Hang nach Teilzeitarbeit bei Männern. Viele Männer würden wieder Vollzeit arbeiten, sobald die Kinder weniger Betreuung benötigten. Und wenn die Männer ihre Pensen reduzierten, könnten die meist überdurchschnittlich qualifizierten Frauen «ihre Arbeitsmarktfähigkeit während der Elternzeit besser oder überhaupt aufrechterhalten». Dies trage mittel- bis längerfristig zur besseren Ausschöpfung des inländischen Arbeitskräftepotenzials bei.

 

Kein Nullsummenspiel

 

Das ist auch die Meinung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Laut Arbeitsmarktexperte Bernhard Weber führt die Vereinbarung von Familie und Beruf netto zu einer höheren Arbeitsbeteiligung. Er stützt sich bei dieser Aussage auf die Erwerbsquote. Von 1996 bis 2015 hat sie bei Frauen um 8 Prozentpunkte zugenommen und bei Männern um 4 Prozentpunkte abgenommen. Die genannte Erwerbsquote ist vollzeitäquivalent. Das heisst, dass ein höherer Beschäftigungsgrad zu einer höheren Erwerbsquote führt. «Der Rückgang der Erwerbsbeteiligung bei Männern wurde im Volumen also durch eine steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen mehr als kompensiert», erklärt Arbeitsmarktexperte Weber.

Doch ein anderer Aspekt muss dennoch zu denken geben: Dem Trend zu Teilzeitarbeit liegt nämlich nicht immer nur der Wunsch zugrunde, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Der gleiche Trend zu mehr Teilzeitarbeit ist auch bei Personen ohne Kinder unter 15 Jahren zu beobachten – aus welchen Gründen auch immer.

 

 

 

Fehlanreize für Arbeiten im Alter

Ein schlummerndes Potenzial an Arbeitskräften gibt es nicht nur bei Frauen, sondern auch bei älteren Arbeitnehmern. Vertreter von Wirtschaft und Politik setzen sich deshalb dafür ein, dass ältere Arbeitnehmer länger erwerbstätig bleiben. Laut Reiner Eichenberger müssten aber dazu die Hindernisse für Altersarbeit abgebaut werden, wie der Wirtschaftsprofessor von der Universität Freiburg kürzlich in der NZZ schrieb. Eichenberger denkt etwa an die Besteuerung: Zum einen sind Arbeitnehmerund Arbeitgeberbeiträge der AHV für erwerbstätige Rentnerinnen und Rentner reine Steuern, weil sie die Rente nicht erhöhen. Zum anderen geraten Rentner in eine hohe Steuerprogression, weil Renten- und Erwerbseinkommen zusammengezählt werden. «Das schafft gewaltige Fehlanreize», findet Eichenberger.

Fehlanreize schaffen auch die zum Teil sehr grosszügig ausgestalteten Pensionskassen. Zudem ist es zum Teil gar nicht möglich, über das ordentliche AHV-Alter in der Pensionskasse versichert zu bleiben. In anderen Fällen wiederum müssen die Angestellten bei Alter 64 oder 65 «gehen», gehauen oder gestochen.

Das ginge noch: Ausgerechnet bei den Grossbanken oder auch bei der Zürcher Kantonalbank liegt das arbeitsvertragliche Rentenalter unter dem gesetzlichen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass jene Institute, die «too big to fail» sind und somit bei einer drohenden Insolvenz vom Steuerzahler gerettet werden müssten, ihre Leute mit komfortablen Altersleistungen vorzeitig in die Pension entlassen und damit den Arbeitskräftemangel zusätzlich anheizen.

  

 

Erschienen in der BZ am 14. Juli 2016


Claude Chatelain