Das grosse Potenzial der IV-Klienten

Nicht nur die Invalidenversicherung ist bemüht, Personen mit gesundheitlichen Problemen im Arbeitsprozess zu behalten. Das gleiche Ansinnen hegt der Arbeitgeberverband, wohl aber aus anderen Gründen.

Zwei Potenziale hat Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann mit dem Ziel eruiert, den herrschenden und vor allem drohenden Fachkräftemangel zu beheben: ältere Arbeitnehmer und Frauen (Artikel von gestern). 

 

Martin Kaiser, Ressortleiter Sozialpolitik und Sozialversicherungen beim Arbeitgeberverband.
Martin Kaiser, Ressortleiter Sozialpolitik und Sozialversicherungen beim Arbeitgeberverband.

Martin Kaiser vom Schweizerischen Arbeitgeberverband verweist auf ein weiteres Reservoir, das es besser auszuschöpfen gilt: Beeinträchtigte. Oder präziser: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Verfassung gefährdet sind, den Arbeitsplatz zu verlieren und in die Abhängigkeit der Sozialwerke zu geraten.

 

Eingliederung vor Rente

 

«Ist dieses Potenzial nicht vernachlässigbar, Herr Kaiser?» Der Leiter des Ressorts Sozialpolitik und Sozialversicherungen verneint und unterstreicht seine Überzeugung mit Zahlen: Seit 2012 konnten 75 000 Personen gezählt werden, die trotz gesundheitlicher Probleme dem Arbeitsplatz erhalten blieben. Allein im vergangenen Jahr waren es 20 119 Personen, wie die IV-Stellen-Konferenz erhoben hat. Nicht enthalten in dieser Zahl sind all die Personen, die dank dem Case Management der Suva oder anderen Unfall- und Taggeldversicherern ihren Arbeitsplatz behalten konnten.

 

Diese 20 000 Personen kann man in Bezug stellen zur Anzahl Personen, die in einem Jahr in Rente gehen und deshalb dem Arbeitsmarkt abhandenkommen. 2014 waren es 50 000.

 

Die IV muss sparen

 

Wie man weiss, ist insbesondere die Invalidenversicherung bemüht, Rentenbezüger wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Gleichzeitig investiert sie in die Früherkennung und schafft Instrumente, damit gefährdete Personen gar nicht in die IV abdriften oder wieder aus der Rente herausfinden. Ein solches ist etwa der Arbeitsversuch. Doch während es der Invalidenversicherung bei ihren Massnahmen ums Sparen geht, geht es dem Arbeitgeberverband um die Bekämpfung des Arbeitskräftemangels. Die Massnahmen sind ähnlich; nur das Ziel ist ein anderes. 

 

Laut dem kürzlich abgetretenen langjährigen Präsidenten der IV-Stellen-Konferenz, Jean-Philipp Ruegger von der IV-Stelle Waadt, sind immer mehr Arbeitgeber bereit, den Betroffenen durch die Rückkehr in den Arbeitsprozess eine Perspektive zu bieten. Dazu beigetragen hat wohl auch der unter dem Patronat der Arbeitgeber stehende Verein Compasso, ein Informationsportal für Arbeitgeber zu Fragen der beruflichen Integration von beeinträchtigten Personen. Compasso dient damit auch als Schnittstelle von Unternehmen, Betroffenen, IV, Suva, Vorsorgeeinrichtungen und Privatversicherungen. Martin Kaiser ist dessen Präsident. 

 

Der Arbeitsversuch

Mit dem Arbeitsversuch kann die IV einer eingeschränkten Person versuchsweise einen Arbeitsplatz zuweisen und ihre Leistungsfähigkeit testen. Die Person erhält von der IV ein Taggeld, während der Arbeitgeber in dieser Zeit keinen Lohn bezahlt und erst nach der Testphase von maximal 180 Tagen entscheiden muss, ob er die Person fest anstellen will.


Früherfassung statt IV

 

Das grosse Potenzial liegt laut Martin Kaiser nicht in der Wiedereingliederung, sondern in der Prävention und der Früherfassung. Das zeigt auch die genannte Erhebung der IV-Stellen-Konferenz: Von den genannten 20 119 Personen blieben 10 570 beim angestammten Arbeitsplatz, knapp 1800 konnten im gleichen Unternehmen umplatziert werden und knapp 7000 Leute fanden einen Arbeitsplatz bei einem neuen Arbeitgeber. Durchzogen sieht nach einer Medienmitteilung der IV-Stellen-Konferenz die Bilanz bei der Wiedereingliederung von bisherigen Rentenbezügern aus. Nur 774 Rentenbezügern konnte 2015 eine Arbeit vermittelt werden. 

  

 

Erschienen in der BZ am 15. Juli 2016

Claude Chatelain