Die drei Hauptprobleme der Credit Suisse

Viel ist geschrieben worden über die Credit Suisse und deren Aktienkurs, der letzte Woche erstmals unter 10 Franken gefallen ist. Auf einen kurzen Nenner gebracht, kennt die zweitgrösste Bank der Schweiz drei Probleme: ein allgemeines, ein neues und ein altes.

Das allgemeine Problem heisst Universalbank: Nicht nur die Aktien der CS und der UBS sind unter Druck. Die Deutsche Bank zum Beispiel hat im laufenden Jahr 50 Prozent ihres Werts verloren. Der Brexit verstärkte den Abwärtstrend. Dies auch wegen der Notenbanken. Tilman Galler von J.P. Morgan Asset Management befürchtet, dass die Zentralbanken ihre Notstandspolitik nun fortsetzen, nachdem berechtigte Hoffnungen auf eine Normalisierung bestanden hatten. Seine Befürchtung äusserte er am Freitagmorgen an einem Medienfrühstück in Zürich. Notstandspolitik heisst, dass die Notenbanken weiterhin die Märkte mit viel Geld überfluten, sodass die Zinsen niedrig und zum Teil sogar im negativen Bereich verharren. Doch auch für Laien ist klar, dass Banken langfristig mit negativen Zinsen wirtschaftlich nicht überleben können. Ausserdem sind die Grossbanken in ganz Europa seit der Finanzkrise immer noch unterkapitalisiert.

 

Sind Universalbanken nicht ohnehin ein Auslaufmodell? Es gibt Beobachter, die das so sehen. Denn es ist unglaublich, aber wahr: Ohne Investmentbanking hätte manche Grossbank einen höheren Börsenwert als mit Investmentbanking. Dass sich Management und Verwaltungsrat trotzdem nicht von diesem risikoträchtigen und spekulativen Geschäftsbereich verabschieden wollen, hängt auch mit der im Investmentbanking üblichen Bonipolitik zusammen. Wenn das Investmentbanking Milliarden verdient, profitieren auch die Bosse am Hauptsitz in Zürich. Wenn hingegen Milliarden in den Sand gesetzt werden, brauchen Manager trotzdem nicht zu darben.

 

Das neuere Problem der Credit Suisse heisst Tidjane Thiam: Vor einem Jahr als Hoffnungsträger mit Vorschusslorbeeren gestartet, tritt der aus der Elfenbeinküste stammende CEO von einem Fettnäpfchen ins andere. Er benimmt sich wie ein Fürst, fliegt mit Businessjets und Helikoptern herum und steigt mit Bodyguards umringt in Präsidentensuiten ab. Kaum im Amt, präsentierte er eine undurchschaubare Strategie und sprach von ehrgeizigen Zielen mit unrealistischen Renditeerwartungen. Damit schafft man sich kein Vertrauen. «Thiam ist es eindeutig nicht gelungen, Glaubwürdigkeit bei den Investoren zu gewinnen», schrieb Bankenkenner Dirk Schütz, Chefredaktor bei der «Bilanz».

 

Das alte Problem der Credit Suisse heisst Urs Rohner: Seit 2011 präsidiert der Jurist den Verwaltungsrat. Schon beim Rauswurf von CEO Brady Dougan resümierten die Finanzgazetten, dass eigentlich Urs Rohner gehen müsste. Die CS hat nicht ein operatives, sondern ein strategisches Problem. Sie blieb zu lange mit dem risikobehafteten Investmentbanking verwurzelt. Doch für die Strategie ist nicht der CEO, sondern der Verwaltungsrat zuständig. Und dass bei der CS die Boni gleich hoch sind wie der Verlust, wirft ebenfalls ein erhellendes Licht auf die oberste Führung.

 

Privatanleger werden sich sagen: Der Kurs interessiert mich nur beim Kauf. Sonst interessiert mich die Höhe der Dividende. In der Tat ist die CS wie andere Finanzkonzerne eine wahre Dividendenperle – mit Kursen um 10 Franken erst recht. Zahlt sie auch im nächsten Jahr eine Dividende von 70 Rappen pro Namenaktie, ergibt das bei einem Einstandskurs von 10 Franken eine Rendite von 7 Prozent. Doch es wäre falsch, wenn die CS bei ihrer schmalen Kapitaldecke auch im nächsten Jahr Dividenden ausschütten würde. Überraschen würde es nicht. Es wäre bloss ein weiteres Problem.

 

Erschienen in der BZ am 11. Juli 2016

Claude Chatelain