Vierte Säule:  Der neue Trend heisst Methusalem-Bonds

Heute wollen wir uns mit festverzinslichen Anlagen beschäftigen. Es gibt eine ganze Reihe davon:  Wandelobligationen, hybride Anleihen, Zerobonds, Junk-Bonds, Pflichtwandelanleihen, Scharia-Bonds und sicher noch einige mehr. Neulich habe ich von einem Obligationen-Begriff gelesen, der mir bisher nicht geläufig war: Methusalem-Bonds.

Geschlossen hat mir die Bildungslücke die NZZ, die man in Journalistenkreisen ehrfürchtig Alte Tante nennt. Wer könnte kompetenter über Methusalem berichten als die Alte Tante herself? Methusalem ist jene Figur aus dem Alten Testament, die 969 Jahre alt wurde. Folgerichtig sind Methusalem-Bonds laut NZZ Obligationen mit «ultralangen Laufzeiten». Sie  seien wegen der verzweifelten Suche nach etwas Rendite gefragt, schrieb die NZZ.


Etwas Rendite? Eben erst hat Spanien eine 50-jährige Anleihe plaziert. Die Rendite beträgt 3,5 Prozent. Dies aber auch nur, wenn die Spanier ihrer Zins- und Rückzahlungspflicht nachkommen werden. Noch schlimmer: Die Eidgenossenschaft emittierte jüngst eine Obligation mit einer 42-jährigen Laufzeit. Der Zins beträgt ein halbes Prozent. Doch die Nachfrage nach diesem himmeltraurig verzinsten Papier war so gross, dass an der Auktion ein Preis von 110 Prozent erzielt werden konnte. Damit sinkt die Rendite auf 0,25 Prozent.


Nehmen wir mal das Jahr 2056. Zig Investoren hocken dannzumal auf einem Papier, das während 40 Jahren eine Rendite von 0,25 Prozent abzuwerfen vermochte. Offenbar gehen Anleger davon aus, dass wir noch sehr, sehr, sehr lange Jahre mit negativen Zinsen leben müssen. Auch Ausländer dürften hier zugelangt haben. Sie rechnen wohl damit, dass der Franken noch stärker wird und sie bei der Rückzahlung einen Wechselkursgewinn einstreichen können.


2058, wenn die Eidgenossenschaft ihre Anleihe mit der lausigen Rendite von 0,25 Prozent zurückzahlt, werde ich 105 Jahre alt sein. Damit komme ich noch lange nicht an die 969 Jahre des Methusalem heran. Doch so lange will ich gar nicht leben - schon gar nicht bei dieser Rendite.     

 

Erschienen in der BZ am 14. Mai 2016

Claude Chatelain