Der Trend geht in Richtung mehr Risiko für die Versicherten

Die Lebensversicherer setzen in der beruflichen Vorsorge verstärkt auf teilautonome Lösungen, bei welchen der Kunde Teile des Anlagerisikos selber trägt.

Seit einigen Jahren führen Lebensversicherer zwei Bilanzmedienkonferenzen durch. Bei der traditionellen geht es um die Unternehmensbilanz; bei der neueren um die Betriebsrechnung BVG. Das ist jene komplizierte und verpolitisierte Rechnungslegung, die der Öffentlichkeit offenbart, wie eine Lebensversicherung in der beruflichen Vorsorge gewirtschaftet hat und wie viel den Versicherten gutgeschrieben werden kann.

 

Zu hohe Gewinne?

 

Axa, Helvetia und Swiss Life haben in den vergangenen Tagen ansprechende Resultate präsentiert. Doch allzu gut sollte das Ergebnis dann auch wieder nicht sein. Zu hohe Gewinne sind Munition für die Gewerkschaften. Travailsuisse wirft den Versicherern vor, im vorletzten Jahr mit der beruflichen Vorsorge 686 Millionen Franken Gewinn erzielt zu haben – und zwar auf Kosten der Arbeitnehmenden, die zu hohe Prämien bezahlen müssten und an den Überschüssen ungenügend beteiligt seien.

 

Die sogenannte Legal Quote beschreibt, wie ein Lebensversicherer die Überschüsse in der beruflichen Vorsorge zu verteilen hat: wie viel den Versicherten gutzuschreiben sind und wie viel die Versicherungsgesellschaft für sich behalten darf. Sie beträgt nach geltendem Recht 90 Prozent. Travailsuisse möchte sie auf 95 Prozent hieven, der Bundesrat plädiert in seiner grossen Altersreform 2020 für eine Erhöhung auf 92 Prozent, was der Ständerat in seiner Beratung bereits abgelehnt hat.

 

Aktive finanzieren Rentner

 

Doch das Interesse gilt weniger der Ausschüttungsquote als der Höhe der Umverteilung von aktiv Versicherten zu Rentnern. Die systemwidrige Umverteilung ist eine Folge eines zu hohen Umwandlungssatzes, mit dem das verfügbare Kapital in eine Rente umgewandelt wird.

 

BVG-Geschäft in Zahlen

  Swiss Life Axa Helvetia
Anzahl Versicherte 612'000 484'500 219'155
Prämieneinnahmen Mio. Fr. 8688 7545 2546
Ausschüttungsquote % 92.9 91.0 90.5
Ausschüttung  in Mio. Fr. 2250 2233 645
Anlagerendite % 3.4 3.17 2.45
Umverteilung in Mio. Fr.  275 840 95.4
 

 

 

Gemäss Schätzungen werden jährlich 3,5 Milliarden Franken von aktiven zu passiven Versicherten umverteilt. «Ohne Quersubventionierung hätte das Altersguthaben der Aktiven im Jahr 2014 um fast 2 Prozent höher verzinst werden können», sagt Beat Müller, Aktuar im BVG-Geschäft der Helvetia.

 

Obschon diese Umverteilung kaum im Interesse der Gewerkschaften sein kann, halten sie sich diesbezüglich ruhig. Das ist wenig erstaunlich, hatten sie doch die Senkung des Umwandlungssatzes an der Volksabstimmung vom 7. März 2010 erfolgreich bekämpft, was viele Arbeitnehmer und Gewerkschaftsmitglieder teuer zu stehen kommt.

 

Vollversicherung

 

Nun setzen die Versicherer in der beruflichen Vorsorge vermehrt auf teilautonome Angebote und treten bei den Vollversicherungen auf die Bremse. Bei teilautonomen Sammelstiftungen deckt die Versicherungsgesellschaft die diversen Risiken gegen Invalidität und Tod. Sie leistet aber im Unterschied zur Vollversicherung keine Kapitalgarantie. Sammelstiftungen können also in eine Unterdeckung geraten. Im Extremfall kann Versicherten eine Nachschusspflicht aufgebrummt werden.

 

Auf Anfang Jahr rief die Baloise die teilautonome Sammelstiftung Perspective ins Leben. Mitte April kündigte Allianz Suisse an, genau das gleiche zu tun. Und bei Swiss Life ist das letztjährige Prämienwachstum vor allem bei teilautonomen Lösungen zu beobachten.

 

 «Bei der Vollversicherung verfolgen wir gezielt eine selektive Zeichnungspolitik», erklärt Thomas Gerber, Leiter Leben bei der Axa Winterthur. Will ein Unternehmen mit einem grossen Rentneranteil die Vorsorgeeinrichtung wechseln, so könnte es vermehrt vorkommen, dass der Versicherer das Aufnahmegesuch für eine Vollversicherung ablehnt oder so hohe Risikobeiträge offeriert, dass das Unternehmen seine Wechselgelüste verliert. Oder der Versicherer wird eine teilautonome Lösung anbieten, mit weniger Garantien, höheren Risiken, aber auch höheren Renditechancen.

 

Erschienen in der BZ am 30. Mai 2016

Claude Chatelain