Der verkannte Börsenindex

Jeder kennt den SMI. Fast jeder kennt den SPI. Kaum jemand kennt den SLI. Warum eigentlich? Experten sind sich einig, dass der Swiss Leader Index die Entwicklung von Schweizer Aktien besser zu spiegeln vermag als der SMI und der SPI.

Anleger kaufen mehr und mehr Anlagefonds, die einen Börsenindex abbilden. Da möchte man als Anleger nicht nur wissen, was für Aktien im Index enthalten sind. Man möchte auch wissen, wie sie gewichtet sind. Zudem möchte man eine ausgewogene Gewichtung, damit das Risiko auf möglichst viele Titel verteilt ist.

 

Ausgerechnet der Swiss-Market-Index (SMI), der bekannteste Index für Schweizer Aktien, vermag diesem Postulat kaum zu genügen. Er enthält bloss 20 Aktien und ist erst noch kapitalgewichtet. Die Gewichtung des Kapitals ist insbesondere hierzulande problematisch, weil die Schweiz mit Nestlé, Novartis und Roche ausgesprochen kapitalstarke Unternehmen aufweist. Das führt zu einer ungleichen Gewichtung. Die drei genannten Aktien kommen im SMI gesamthaft auf eine Gewichtung von 60 Prozent. Diversifikation sieht anders aus.

 

Auf 9 Prozent limitiert

 

Als Antwort auf diese Ungleichheit hat die Schweizer Börse Mitte 2007 den Swiss Leader Index (SLI) kreiert. Hier ist die Gewichtung der vier grössten Unternehmen auf 9 Prozent limitiert. Bei allen anderen darf die Gewichtung nicht höher sein als 4,5 Prozent. Wobei diese Limiten nicht täglich angepasst werden, sodass vorübergehende Abweichungen entstehen können (siehe Tabelle). Zudem enthält der SLI 30 statt nur 20 Titel wie der SMI.

 

Neben der verbesserten Diversifikation verfolgte die Schweizer Börse mit der Lancierung des SLI noch ein anderes Ziel: Sie wollte das indexnahe Investieren europakompatibel machen. Denn gemäss EU-Richtlinien darf das Gewicht eines einzelnen Titels in einem Anlagefonds 10 Prozent nicht übersteigen. Und alle Einzeltitel, welche mehr als 5 Prozent Gewicht haben, dürfen zusammen nicht mehr als 40 Prozent der Gesamtgewichtung ausmachen.

Swiss Leaders Index SLI
  Name                Gewichtung
    in %
1 Nestlé 9.48
2 Roche 9.25
3 Novartis 8.48
4 UBS 7.87
5 Syngenta 5.16
6 ABB 4.86
7 Swiss Re 4.69
8 Richemont 4.52
9 Zurich 4.14
10 Lafargeholcim 3.62
11 CS Group 3.17
12 Givaudan 3.15
13 Actelion 3.13
14 Geberit 2.90
15 Swisscom 2.66
16 SGS 2.31
17 Swatch Group 2.26
18 Adecco 2.19
19 Julius Baer 1.93
20 Sika 1.73
21 Lonza 1.66
22 Swiss Life 1.63
23 Kühne + Nagel 1.58
24 Schindler 1.47
25 Sonova 1.41
26 Bâloise 1.23
27 Galenica 1.03
28 Clariant 0.97
29 Aryzta 0.88
30 Dufry 0.64
 
   

Es ist daher seltsam, dass der SLI sich nicht wirklich durchzusetzen vermochte. In den gängigen Börsenspalten sind nur SMI und SPI aufgeführt. Auch Radio und Fernsehen verweisen stets auf den SMI. Und während jeder grössere Anbieter einen auf den SMI lautenden Indexfonds im Sortiment führt, sind Indexfonds auf den SLI nur bei der UBS, der Deutschen Bank und bei Ishare zu finden.

Pascal Alder von der AEK Bank in Thun fällt auf, «dass Anleger auf das Klumpenrisiko im SMI sogar positiv reagieren», wie er erklärt. Eine Abbildung des SLI würde in der Anlageberatung immer auch diskutiert. Doch der Kunde vertraue lieber auf den SMI, auch wegen dessen Medienpräsenz. «Zudem sind Nestlé, Novartis und Roche halt bei vielen Anlegern mit Heimatgefühlen verbunden».

 

Die Valiant-Bank sieht das Jahr der Einführung, 2007, als Ursache für das Schattendasein des Swiss Leader Index. Kurz darauf folgte die Finanzkrise und damit der Start einer erstaunlichen Performance des SMI. «Dem Swiss Leader Index war es gar nicht möglich, eine gewisse Bekanntheit zu erreichen. Alte Gewohnheiten ändern sich eben nur langsam.»

 

Dass die Marke wichtiger ist als der Inhalt, bestätigt auch der Blick an die Wallstreet. Der preisgewichtete Dow Jones Industrial ist wohl jener der einschlägigen Indizes, der die geringste Aussagekraft aufweist. Jede Aktie im Index ist mit der gleichen Stückzahl vertreten. Je höher der Kurs, desto grösser der Einfluss auf den Index. Das Gleiche gilt für den Nikkei 225, Japans bekanntesten Börsenindex.

 

INFOTHEK

SMI: Der Swiss-Market-Index ist kapitalgewichtet und spiegelt die Kursentwicklung der 20 grössten Schweizer Aktien. Die Kapitalisierung ergibt sich aus dem Kurs multipliziert mit der Anzahl gehandelter Aktien.

SPI: Der Swiss-Performance-Index reflektiert die Kursentwicklung aller an der Börse gehandelten Schweizer Aktien. Er ist ebenfalls kapitalgewichtet.

SLI: Der Swiss-Leader-Index enthält die 20 Titel des SMI plus die 10 liquidesten des SMIM.

SMIM: Der SMI Mid enthält die 30 grössten Aktien, die nicht schon im SMI sind.

 

Erschienenin der BZ am 17. Mai 2016

Claude Chatelain