Tücken bei später Selbstständigkeit

Mit 60 den Hut nehmen und sich selbstständig machen. Warum auch nicht? Fragen stellen sich, wenn man weiterhin in der 2. Säule versichert sein will.

Ein erfundenes Beispiel: Mann, 59 Jahre alt, qualifiziert, zwei Kinder in Ausbildung, will nicht weitere sechs Jahre den gleichen Job machen, den er seit knapp zehn Jahren innehat. Er will etwas Neues anpacken. Mit seiner Erfahrung und seinem Know-how könnte er sich selbstständig machen. Auch ein Wechsel in eine andere Firma ist nicht ausgeschlossen. Seine Frage: Was bieten sich für Pensionskassenlösungen an? Wie verhält es sich mit den freiwilligen Einkäufen?

 

Wechselt der Mann in eine andere Firma, hat er zwei Möglichkeiten: Er kann sein Freizügigkeitsguthaben in die Vorsorgeeinrichtung des neuen Arbeitgebers überweisen. Dieser Fall erheischt keine nähere Betrachtung.

 

Vorteil Frühpensionierung

 

Interessanter ist die zweite Möglichkeit: Die Altersleistung vorzeitig beziehen, sei es als Kapital oder als Rente. Gerade die Rentenlösung könnte im vorliegenden Beispiel attraktiv sein, da der Mann für die Kinder in Ausbildung noch eine Kinderrente erhalten würde. Der Bezug von Altersleistungen ist gesetzlich frühestens ab Alter 58 möglich. Ab welchem Alter eine Pensionskasse Altersleistungen ausrichtet, steht in deren Reglement.

 

Nun hat der Mann noch Lücken in der Pensionskasse und ein paar Batzen auf der Seite. Daher möchte er sich in der neuen Vorsorgeeinrichtung einkaufen, um seine Rente aufzubessern und gleichzeitig das steuerbare Einkommen zu drücken. Da der Mann die Rente der früheren Pensionskasse bezieht und somit bei der neuen PK mit null Franken anfängt, könnte man annehmen, dass das Einkaufspotenzial mehrere Hunderttausend Franken ausmacht. Schön wärs. Fakt ist, dass die bezogene Altersleistung bei der Berechnung der neuen Einkaufslücke angerechnet wird.

 

Vereinfacht ausgedrückt: Hat der Mann beim neuen Arbeitgeber den gleichen Lohn wie vorher und haben beide Pensionskassen die gleichen Bestimmungen, so entspricht die neue Einkaufslücke der alten (siehe Zweittext). Das heisst, sie ist gleich gross wie jene bei der alten Kasse zur Zeit seines Austritts.

 

Auffangeinrichtung ist teuer

 

Schwieriger wird es, wenn sich der Mann selbstständig macht. Selbstständige ohne Angestellte können sich nicht einer Sammelstiftung anschliessen. Möglich ist, sich bei der Auffangeinrichtung BVG versichern zu lassen. Bedingung ist, dass man von der AHV als Selbstständigerwerbender anerkannt ist.

 

Die Auffangeinrichtung ist aber wegen der hohen Risikokosten nicht wirklich beliebt. Per Ende 2014 waren es gerade 253 Personen, die bei der Auffangeinrichtung als Selbstständige versichert waren. Da man aber Arbeitnehmer- wie auch Arbeitgeberbeiträge einzahlen muss und vom steuerbaren Einkommen in Abzug bringen kann, ist diese Lösung aus steuerlicher Sicht nicht abwegig.

 

Auch gewisse Berufsverbände bieten für Mitglieder Pensionskassenlösungen an. Doch häufig gründen Selbstständige eine GmbH, lassen sich dort anstellen und versichern sich bei einer Sammelstiftung. Sergio Bortolin, der Geschäftsführer der Asga-Pensionskasse mit Sitz in St. Gallen, kennt solche Fälle. Doch für das eingangs zitierte Fallbeispiel hat auch der Umweg über die GmbH einen Haken: «Das Durchschnittsalter der Versicherten einer Firma darf bei uns 55 Jahre nicht übersteigen», sagt Bortolin. Doch auch hier gibt es unter Umständen ein Schlupfloch: Ist die GmbH Mitglied beim Kantonalen Gewerbeverband, kann der Mann die berufliche Vorsorge bei der Asga versichern.

 

Anders beim VZ Vermögenszentrum. «Wir haben in unserer Vorsorgelösung für Firmen keine allgemeingültige Altersguillotine», sagt Daniel Ruch, Leiter des VZ in Bern. Jeder Fall werde individuell geprüft und aufgrund des Risikoprofils beurteilt.

 

 

Die Einkaufslücke

Der maximale Einkauf entspricht der Differenz zwischen der Summe der ab Alter 25 auf dem aktuellen Lohn berechneten Altersbeiträge und dem vorhandenen Alterskapital. Also: Man nimmt den heutigen Lohn und rechnet aus, wie hoch das vorhandene Guthaben sein müsste, wenn der Versicherte seit dem 25. Altersjahr ununterbrochen die nach dem heutigen Lohn

berechneten Beiträge bezahlt hätte. Das maximale Alterskapital ist meistens höher als das effektive. Die Differenz ist die Einkaufslücke. Das Stopfen dieser Lücke hat finanzielle Anreize: Man erhöht die Altersleistung, und man kann den einbezahlten Betrag steuerlich geltend machen.

 

Erschienen in der BZ am 3. Mai 2016 


Claude Chatelain