Christoph Stoller tritt aus der Kirche aus

Christoph Stoller ist von der Kirche enttäuscht.
Christoph Stoller ist von der Kirche enttäuscht.

Christoph Stoller aus Uettligen ist aus der Kirche ausgetreten. Für die Trauerfeier seines verstorbenen Bruders stellte der Pfarrer in Muri Bedingungen, die Stoller nicht akzeptieren wollte.

Die Reformierte Kirchgemeinde Wohlen hat ein Mitglied weniger. Das allein ist keine Meldung wert. Vielsagend ist aber die Ursache des Austritts von Christoph Stoller. Für die Trauerfeier seines in Muri wohnhaften und nun verstorbenen Bruders verlangte er eine Trauerfeier im kleinem Rahmen, mit einem Trauerredner und klassischer Musik von Schubert und Chopin ab CD. Sein Bruder, ein passionierter Klavierspieler, wünschte es sich so. Doch Pfarrer Christoph Knoch von Muri hat die Benutzung der Kirche an Konditionen geknüpft, die für den Schulterorthopäden Stoller unannehmbar sind. Der Pfarrer müsse anwesend sein, und ein Orgelspiel als Eintritts- und Ausgangsmusik sei obligatorisch. Darauf schrieb der in Uettligen wohnhafte Stoller seiner Kirchgemeinde das Austrittsschreiben mit der Bemerkung: «Die Kirche beklagt sich über Mitgliederschwund; nicht verwunderlich bei diesen verknöcherten Strukturen.»

 

Pfarrer Christoph Knoch bedauert diese Entwicklung. Er hatte nur mit dem Bestatter Kontakt und nicht mit der Trauerfamilie. Für ihn hat der Kirchenraum eine Botschaft. «Ich verstehe nicht, weshalb jemand unbedingt in einer Kirche die Abdankung haben will, wenn er mit dieser Botschaft nichts anzufangen weiss», sagt Christoph Knoch. «Ich bin jederzeit bereit, mit einem Trauerredner zusammenzuarbeiten, um die kirchlichen Regeln mit den Wünschen der Trauerfamilie unter einen Hut zu bringen.»

 

«Bestattungen sind anspruchsvoll»

 

Katrin Klein-Haas, Projektmitarbeiterin bei der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, verteidigt Pfarrer Knoch. «Die kirchliche Bestattung ist in unserer Kirche klar geregelt, sie darf obligatorisch ausschliesslich von ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrern vollzogen werden», schreibt sie Christoph Stoller. Der Grund für diese relativ strenge Regelung sei nicht die mangelnde Offenheit der Kirche, «sondern die Überzeugung, dass die Bestattung eine seelsorgerlich sehr anspruchsvolle kirchliche Handlung ist und unsere Kirche grössten Wert auf eine hohe Qualität, das heisst auf eine sensible, aufmerksame Begleitung legt.»

 

Keine freien Ritualbegleiter

 

So habe der Synodalrat vor kurzem den Kirchgemeinden empfohlen, kirchliche Räume für Trauungen, Taufen oder Beerdigungen nicht freien Ritualbegleitern zu vergeben. Der Grund für diese Empfehlung sei, dass es in einem «Markt» von Ritualangeboten für die Betroffenen immer wichtiger sei, die Angebote voneinander unterscheiden zu können.

 

Stephan Haldemann, Pfarrer in Signau, sieht das nicht so eng. Der passionierte Jodler findet, man könne die Kirche sehr wohl für private Trauerfeiern oder Abdankungen zur Verfügung stellen, allenfalls gegen eine Miete. Voraussetzung sei jedoch, dass der Verstorbene auch Mitglied der reformierten Kirche war und Kirchensteuern bezahlte.

 

Die Verantwortlichen der Kirchgemeinde Worb stellen ihre Räume und Einrichtungen in Worb und Rüfenacht sogar ausdrücklich in den Dienst der Begegnung von Menschen, auch die Kirche in Worb, «soweit dies nicht im Gegensatz zu den Anliegen und Werten der Kirche steht, sollen weitere Organisationen und Private offene Türen finden». So steht es auf der Website. Wie aber Pfarrer Stefan Wälchli auf Anfrage erklärt, könne die Kirche für eine Trauerfeier ohne Begleitung eines Pfarrers nicht zur Verfügung gestellt werden. «Kirchenräume sind besondere Räume, die für den christlichen Gottesdienst gebaut und gestaltet sind. In diesem Sinne sind Kirchenräume nicht x-beliebige Mietobjekte».

 

«Arrogante Haltung»

 

Christoph Stoller fehlt für diese Haltung jedes Verständnis: «Ich finde es arrogant von der reformierten Kirche, davon auszugehen, dass nur ein studierter Pfarrer Trost spenden kann.» Schliesslich konnte Stoller den Wunsch seines verstorbenen Bruder dennoch erfüllen: in der Abdankungshalle des Seidenbergfriedhofs in Gümligen. Besitzerin ist die politische Gemeinde Muri bei Bern.

 

Erschienen in der BZ am 3. Mai 2016

 

Claude Chatelain