Der klandestine Grossaktionär

Theo Siegert.
Theo Siegert.

Wer 6,6 Prozent des Kapitals einer börsenkotierten Aktiengesellschaft besitzt, kann mit Fug und Recht als Grossaktionär bezeichnet werden. Der deutsche Theo Siegert ist ein solcher Grossaktionär. Er ist dies aber nicht bei irgendeinem Unternehmen; er ist dies bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die heute in Bern ihre Generalversammlung durchführt. Ob der Wirtschaftsprofessor in Bern seine Aufwartung macht, will die SNB nicht verraten. Vermutlich nicht. Zumindest in den letzten Jahren war er nicht anwesend.

Es ist bemerkenswert, dass ein deutschstämmiger Manager mit Doktor- und Professorenwürden als zweitgrösster Einzelaktionär der schweizerischen Machtzentrale fungiert. Also jener staatlichen Institution, die darüber entscheidet, wie viel Geld gedruckt und in Umlauf gebracht wird. Jenes Staatsbetriebes, der vor gut einem Jahr mit der Aufhebung der Euromindestgrenze Politik und Wirtschaft in die Ratlosigkeit trieb.

 

6595 Aktien besitzt der Wirtschaftsprofessor. Gemäss aktuellem Kurs von rund 1100 Franken entspricht dies einem Wert von gut 7 Millionen Franken. Nur der Kanton Bern ist mit einem Anteil von 6,63 Prozent leicht stärker vertreten. Auf Rang drei bis fünf folgen die Kantone Zürich, Waadt und St. Gallen.

 

In Wirtschaftskreisen Deutschlands ist Theo Siegert eine grosse Nummer. Von 1997 bis 2012 war er Honorarprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Schwerpunkt Finanzanalyse und Unternehmensführung. Derzeit sitzt der 69-Jährige im Verwaltungsrat des Zürcher Handelsriesen DKSH, des Waschmittelherstellers Henkel, des Chemiekonzerns Merck KGaA und des Energiekonzerns Eon. Früher war er auch im Aufsichtsrat der Deutschen Bank. Daneben findet Theo Siegert offenbar auch noch Zeit, das Düsseldorfer Familienunternehmen de Haen-Carstanjen & Söhne zu führen, in sechster Generation notabene.

 

 

Was treibt den Profi-Verwaltungsrat an, 6595 Aktien der SNB zu besitzen? Seine Investments kommentiert Siegert nicht. Ein stiller Teilhaber sei er, schrieb die «Handelszeitung» vor fünf Jahren. Doch für Beobachter ist klar, dass der Deutsche mit SNB-Aktien ein sicheres Franken-Investment sucht. Eine Alternative wären Bundesobligationen, sogenannte Eidgenossen. Diese werfen derzeit kaum Zinsen ab. Doch auf Aktien der SNB gibt es immerhin eine Dividende von 15 Franken pro Stück.

 

Erschienen in der BZ am 29. April 2016 

Claude Chatelain