Vierte Säule: Kein Mitleid mit den Versicherern

Die Versicherungsgesellschaften sind schlank durch die Finanzkrise von 2008 gekommen. Das ist bemerkenswert und kann nicht genug wiederholt werden. Und doch müssen auch sie für die Finanzkrise einen hohen Preis zahlen. Ausgedrückt wird dieser Preis mit drei Buchstaben: SST: Das Kürzel steht für Schweizer Solvenztest. 

Die Versicherungsgesellschaften sind schlank durch die Finanzkrise von 2008 gekommen. Das ist bemerkenswert und kann nicht genug wiederholt werden. Und doch müssen auch sie für die Finanzkrise einen hohen Preis zahlen. Ausgedrückt wird dieser Preis mit drei Buchstaben: SST: Das Kürzel steht für Schweizer Solvenztest.

 

Der SST ist in vielerlei Hinsicht viel strenger als sein europäisches Pendant Solvency II. Sie müssen 1,5- bis 2-mal mehr Kapital halten als Versicherer aus dem EU-Raum. Zudem hat die Finanzmarktaufsicht die verschärften Vorschriften erst noch früher eingeführt als die EU Solvency II. Die Versicherungsgesellschaften finden das nicht gerechtfertigt und kritisieren das bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

 

Wenn hiesige Grossbanken strengere Kapitalvorschriften zu erfüllen haben als europäische Konkurrenten, so lässt sich das mit der Grossbankenregulierung «too big to fail» begründen. Vor der Finanzkrise machten die Bilanzen von UBS und CS rund das Sechsfache des damaligen Schweizer BIP aus. Doch die Versicherungen sind nicht «too big to fail». Banken und Versicherungen haben ganz andere Anforderungen. «Banken haben liquide Verbindlichkeiten und illiquide Finanzanlagen. Und die Versicherungen haben illiquide Verbindlichkeiten und liquide Anlagen», sagte jüngst Patrick Frost, der CEO der Swiss-Life-Gruppe, in einem Interview mit dieser Zeitung. Bei Versicherungen kann niemand in die Empfangshalle kommen und sein ganzes Geld verlangen. Ein Bankkunde kann das hingegen schon. 

 

Gerne hätte ich Mitleid mit den Versicherern. Doch dann denke ich an die Art und Weise, wie sie sich wiederholt vor Schadenzahlungen drücken. Nicht immer und nicht überall. Aber besonders häufig tun sie das im Unfallversicherungsgeschäft. Sie sagen, der Unfall sei kein Unfall im versicherungsrechtlichen Sinne und lehnen die Zahlung ab. Dies in der Hoffnung, dass der Geschädigte kein Bock hat oder zu schwach ist, um sich juristisch dagegen zu wehren. Leider geht die Rechnung für die Versicherer meistens auf.

 

Erschienen in der BZ am 19. April 2016

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Claude Chatelain