Vierte Säule: Über die Bewertung von Aktien

Pius Zgraggen, CEO von OLZ & Partners in Bern.
Pius Zgraggen, CEO von OLZ & Partners in Bern.

Heute wollen wir uns über die Bewertung von Aktien unterhalten. Die Namenaktie von Lindt kostet um die 72'000 Franken; die UBS-Aktie ist dagegen für eine Lächerlichkeit von 14,60 Franken zu haben. Laien werden spontan  konstatieren: Lindt ist teuer; UBS ist billig. Doch in der Finanzmarkttheorie ist der absolute Preis einer Aktie unerheblich. Ob ein Dividendenpapier als teuer oder billig einzustufen ist, hängt von anderen Faktoren ab. Etwa vom Gewinn pro Aktie, vom geschätzten zukünftigen Gewinn, von der Dividende, vom Marktumfeld oder vom Wachstumspotenzial einer Firma.

Der Profi spricht nicht von teuer und billig. Er spricht von überbewertet und unterbewertet. Und selbstverständlich versucht er dann die unterbewerteten Papiere herauszupicken. Einer, der in der Lage sein müsste, unter- und überbewertete Aktien herauszufiltern, ist Pius Zgraggen. Der gebürtige Urner ist Mitautor des über 1000 Seiten starken «Handbuchs der Bewertung». Doch der CEO der Berner Vermögensverwaltungsfirma OLZ & Partners wird uns enttäuschen: «Ich bewerte keine Aktien. Das macht bereits der Markt», sagte er mir kürzlich in seinem Büro an der Marktgasse in Bern.

 

Im Verlauf der Jahre ist Zgraggen zur Überzeugung gelangt, dass die häufig gehandelten Aktien vom Markt im Durchschnitt richtig bewertet würden. Öffentlich zugängliche Informationen werden in weniger als einer Sekunde in den Aktienpreis – rauf oder runter – einfliessen. Wohlverstanden, wir sprechen hier einzig von liquiden Titeln, eben von den häufig gehandelten Aktien wie ABB, Nestlé, UBS oder Roche.

 

Pius Zgraggen stützt sich bei der Aktienwahl also nicht auf die Bewertung, sondern auf das Risiko. Je grösser die Schwankung einer Aktie, desto grösser das Risiko. Wie seine Strategie und Bemessung des Risikos genau aussieht, lässt sich hier in einer Spalte nicht erklären. Daher nur so viel: Bleiben Sie hellhörig, liebe Leser, wenn Sie in Börsenbriefen oder Analystenkommentaren lesen, die Aktie X oder Y sei unterbewertet. Wie will das der Anlageberater wissen, wenn es selbst der Autor des «Handbuchs der Bewertung» nicht weiss?

 

Erschienen in der BZ am 12. April 2016

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Claude Chatelain