«Als Beraterin leidet man ein bisschen mit»

RAV-Beraterin Chantal Godel in ihrem Büro im RAV  Bern-West.
RAV-Beraterin Chantal Godel in ihrem Büro im RAV Bern-West.

Steigt die Arbeitslosigkeit, steigt automatisch die Arbeitsbelastung der Beraterinnen und Berater in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren. Ein Augenschein  beim RAV Bern-West.

Fünf Minuten dauert die Zugfahrt von Bern nach Bümpliz-Süd. Zu Fuss gehts geschätzte hundert Meter Richtung Westen. Und schon wartet Chantal Godel beim Empfang des RAV Bern-West. Es ist Donnerstag, 8 Uhr. Die Beraterin erwartet den Journalisten, der sie den ganzen Tag begleiten darf.  RAV steht für Regionale Arbeitsvermittlung. Der Name könnte falsche Erwartungen wecken. Eine Vermittlung, wie sie private Personalvermittlungsagenturen betreiben, bietet das RAV nur in beschränktem Mass an. Die Personalberater unterstützen Stellensuchende, bieten Kurse im Bewerbungsatelier an und geben Gutscheine für das Onlinestellenportal Jobagent ab. Immerhin führt das RAV eine Datenbank mit offenen Stellen. Es kann dort anonym die Profile der Stellensuchenden auf­schalten. Doch die Stellensuchenden müssen den Kontakt mit den Unternehmen selber herstellen. Sie müssen sich also selber bewerben. Das RAV bietet somit eine Art Hilfe zur Selbsthilfe an.

 

«Eben erst zeigte sich eine Immobilienspezialistin enttäuscht darüber, dass ich ihr nicht eine Palette offener Stellen anzubieten vermochte», meint Chantal Godel. Alles andere als enttäuscht zeigt sich indes eine 32-jährige Frau südamerikanischer Herkunft, die sich an jenem Donnerstagmorgen im RAV Bern-West fürs Erstgespräch angemeldet hatte. Sie ist in Freiburg aufgewachsen, schloss dort den Bachelor in Wirtschaft ab und wohnt nun seit sechs Jahren in Bern. Sie ist es müde, täglich zwischen Bern und ihrem Arbeitsort Genf zu pendeln. Sie hat in Genf gekündigt und sucht nun eine Arbeit in kürzerer Distanz. Das Gespräch wird auf Französisch geführt. Für die in der Romandie wohnhafte Chantal Godel kein Problem.

 

Die RAV-Mitarbeiterin stellt fest, dass die Frau schon einige Bewerbungen eingereicht hat. Es besteht kein Zweifel, die Ökonomin will schleunigst einen Job. Sie möchte sich auch weiterbilden, fragt, ob das RAV ihr allenfalls einen SAP-Kurs finanzieren würde. Chantal Godel macht ihr keine Hoffnung. Weiterbildungskurse gehören in den Bereich der allgemeinen beruflichen Weiterbildung, welche nicht von der Arbeitslosenversicherung finanziert werden kann. Doch immerhin kann die RAV-Beraterin der zierlichen Frau einen Kurs an­bieten, in welchem man lernt, wie man sich heutzutage richtig und erfolgversprechend bewirbt – auf Französisch. Das Erstgespräch mit der Freiburgerin dauert eine Stunde: «Herr Chatelain, wie ­stufen Sie ihre Chancen ein, eine Anstellung zu finden? Leicht, mittel oder schwer?» Die Antwort aus dem Rohr geschossen: «Leicht.» Chantal Godel ist ­skeptischer: «Die mangelnden Deutschkenntnisse sind im Raum Bern ein grosses Handicap.» Die Frau wird vorab in Freiburg und Neuenburg suchen müssen.

 

Die Detailhandelsfachfrau, die sich als zweite Stellensuchende vorstellt, hat ein anderes Handicap. Sie macht eine Ausbildung als Praxisassistentin und will nicht mehr im Detailhandel arbeiten. Doch eine Stelle zu finden, während sie noch in der Ausbildung steckt, könnte schwierig sein und länger dauern. Im Detailhandel wird sie leichter einen Job finden. Deshalb muss sich die 26-Jährige auch in ihrem angestammten Beruf bewerben. Mindestens vier Bewerbungen im Monat für eine Stelle als Detailhandelsfachfrau und vier Bewerbungen als Praxisassistentin werden vereinbart. Was passiert, falls jemand weniger Bewerbungen einreicht als vereinbart? «Ohne plausible Be­gründung kann dies zu Sanktionen führen», sagt Chantal Godel. Sie wird diese aber nicht selber aussprechen. Sie meldet die nicht eingehaltene Abmachung dem Rechtsdienst. Er bestimmt, mit wie vielen Einstelltagen – also gestrichenen Taggeldern – die Stellensuchenden bestraft werden.

 

«Berater mit einem 100-Prozent-Pensum haben rund 130 Dossiers zu betreuen», sagt Markus von Känel, der Leiter des RAV Bern-West. Steigt die Arbeitslosigkeit, wie das derzeit der Fall ist, so bedeutet das unweigerlich Mehrarbeit für das RAV. Berater müssen mehr Dossiers über­nehmen, was bedeutet, dass die Stellensuchenden in grösseren Abständen als vorgesehen auf­geboten werden. Von Gesetzes wegen müssten die Stellensuchenden alle zwei Monate vorsprechen. Das bedeutet ebenfalls, dass den Beraterinnen und Be­ratern weniger Zeit für adminis­trative Arbeiten und die Qualitätskontrolle bleiben. Darunter versteht Markus von Känel das Überprüfen der Datenqualität, zum Beispiel im Bereich der pu­blizierten Stellensuchenden. Immerhin hat nun Markus von Känel eine zusätzliche Stelle bewilligt erhalten. Insgesamt arbeiten neunzehn Beraterinnen und Berater in Bümpliz, welche derzeit knapp über 2200 Stellensuchende betreuen.

 

«Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich und interessant. Ich habe fast nur mit angenehmen Menschen zu tun. Sie wollen alle arbeiten», schwärmt Chantal Godel.
«Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich und interessant. Ich habe fast nur mit angenehmen Menschen zu tun. Sie wollen alle arbeiten», schwärmt Chantal Godel.

Chantal Godel arbeitet 100 Prozent. Keine Frage, der Job gefällt ihr. Man sieht es ihr an. Vorher arbeitete sie in der Personalabteilung von Nespresso in Avenches. «Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich und interessant. Ich habe fast nur mit angenehmen Menschen zu tun. Sie wollen alle arbeiten.» Drückeberger? «Die gibt es überall. Bei mir sind sie die grosse Ausnahme.» Die Worte von Chantal Godel erinnern an ein Interview mit Marc Gilgen, dem Leiter des RAV im Kanton Bern. Im August letzten Jahres sagte er: «Wir haben ein positives Menschenbild in der Beratung. Wir gehen davon aus, dass unsere Kundinnen und Kunden motiviert sind, eigenverantwortlich eine Stelle zu suchen, und arbeiten wollen.»

 

Für den Nachmittag sind in der Agenda von Chantal Godel vier Folgegespräche eingetragen. Die Stellensuchenden erzählen, wie und wo sie sich bewerben und was sie dabei für Erfahrungen machen. Eine aufgestellte 47-jährige Frau bewirbt sich als Ver­käuferin und erzählt vom Mystery Shopping, das sie zwischendurch im Auftrag von speziellen Firmen mache. Den Zwischenverdienst muss sie der Arbeits­losenversicherung melden. So erhält sie statt ein Taggeld eine Kompensationszahlung. Das ist interessant. Kompensations­zahlung und Zwischenverdienst sind zusammen immer höher als die Arbeitslosenentschädigung. Die Frau ist gelernte Käserin und hinterlässt einen erfrischenden Eindruck. Man kann sie sich ­hinter der Käsetheke sehr gut vorstellen: «Hey, Migros, das wäre doch was?», geht es dem ­stillen Beobachter durch den Kopf. Die Frau wird es schaffen. Keine Frage. Oder gilt sie mit 47 Jahren als zu alt? Man will es nicht hoffen.

 

Auch der 35-jährige Gipser hat es nicht einfach. Ihm fehlt ein Lehrabschluss. Temporär findet er immer wieder eine Stelle, aber eben nur temporär. Wegen seiner Farbenblindheit hat er keinen Fahrausweis. Bereits seit mehreren Jahren ist er beim RAV angemeldet. Ein Stammkunde, sozusagen. Weil er zwischendurch immer wieder längere Teilzeiteinsätze leistet, erhält er jeweils eine neue Rahmenfrist. Die Rahmenfrist beträgt zwei Jahre. In diesen zwei Jahren haben Stellensuchende Anspruch auf 90 bis 640 Taggelder. «Frau Godel, das ist doch ein ehrlicher, zuverläs­siger Typ. Die Bauwirtschaft boomt. Warum hat es der Mann so schwer, eine Stelle zu finden?» Die Antwort der Expertin: «Der fehlende Lehrabschluss und der fehlende Führerausweis.»

 

Chantal Godel gibt zu, dass ihr gewisse Fälle nahegehen: «Manchmal tut es schon weh, wenn man sieht, wie sich Leute ernsthaft bemühen und einfach keinen Erfolg haben.» Chantal Godel denkt etwa an einen Mann aus Guinea, der an jenem Donnerstag als Letzter an der Reihe ist. Sie vermutet, dass der Mann in seinem früheren Job ausgenützt wurde. Er arbeitete als Hilfsarbeiter, bewirbt sich auch als Chauffeur für Auslieferungsdienste, spricht Französisch, macht aber in Deutsch grosse Fortschritte. Der Afrikaner mit Aufenthaltsbewilligung B denkt, dass er als Lastwagenchauffeur bessere Chancen hätte auf dem Arbeitsmarkt. Um die 4000 Franken hat er bereits für die Aus­bildung ausgegeben. Für die Zu­lassung zum Chauffeur müsste er weitere 1000 Franken hinblättern, was er wegen des Verlusts seiner Arbeit nicht bezahlen kann. Also stellte er beim RAV ein Gesuch für die Kostenübernahme. «Abgelehnt», heisst das Verdikt. «Da leidet man als Personalberaterin immer ein bisschen mit», gesteht Chantal Godel. Doch sie versteht den Entscheid. Normale Weiterbildungen, die man im Berufsleben so oder so machen müsste, werden vom RAV nicht finanziert.   

 

 

Erschienen der BZ am 5. April 2016

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Claude Chatelain