Vierte Säule: Besitzt Mario Draghi eigentlich Aktien?

Mit der Politik der offenen Geldschleusen beflügelt Mario Draghi die Aktienmärkte.
Mit der Politik der offenen Geldschleusen beflügelt Mario Draghi die Aktienmärkte.

Ich weiss nicht, wie viele Aktien Mario Draghi besitzt. Ich weiss auch nicht, ob der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) überhaupt Dividendenpapiere besitzen darf. Sollte er viele davon sein Eigentum nennen, was einem bei einem Banker kaum überraschen würde, so ist sein Entscheid von letzter Woche durchaus nachzuvollziehen

Mit der Politik der offenen Geldschleusen verleiht Mario Draghi den Aktienkursen mächtig  Auftrieb. Offiziell ist das nicht seine Absicht. Inoffiziell passiert jedoch genau das. Seit der Finanzkrise wird die Wirtschaft mit billigem Geld überflutet. Doch das Geld fliesst nicht in die reale Wirtschaft. Es fliesst in die Aktienmärkte.


Vereinfacht gesagt: Unternehmungen stehen vor der Frage: Soll mit dem billigen Geld Maschinen gekauft und somit die Produktion erhöht werden oder ist es wohl gescheiter, vielversprechende Aktien zu kaufen? Es macht ganz den Anschien, dass viele Unternehmen befürchten, für ihre zusätzlich hergestellten Produkte in den gesättigten Märkten keine Abnehmer finden zu könnnen. Deshalb kaufen sie lieber Aktien, deren Kurse schön und stetig nach oben klettern.Und falls die Kurse sinken, wird man sich dank der grosszügigen Ausschüttungen trotzdem auf einen akzeptablen Return on Investment freuen können.


Besonders gefallen hat mir der Kommentar in der NZZ. Wenn ein Medikament seine Wirkung nicht erziele, könne man auf zwei Arten darauf reagieren: Man setze das Medikament ab oder man erhöhe die Dosis ­ — «im festen Glauben daran, dass die Medizin irgendwann schon ihre segensreiche Wirkung entfalten wird». Mario Draghi setzte auf die zweite Variante, eben auf die erhöhte Dosis.


Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn, einer der renommiertesten seines Fachs, hält nichts von dieser Medizin. «Mehr Wasser hilft nicht, wenn die Pferde nicht saufen wollen». Doch wer weiss, vielleicht will Mario Draghi gar nicht, dass die Pferde saufen. Vielleicht ist er vorab daran interessiert, dass die Aktienkurse weiter steigen.

 

Erschienen in der BZ am 15. März 2016

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Claude Chatelain