Vierte Säule: Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Schlechte liegt so nah

In der Volkswirtschaftslehre lernt man die Unterschiede zwischen Markt- und Planwirtschaft kennen. Und wenn der Lehrer nicht ein verkappter Kommunist ist, so wird er den Schülerinnen und Schülern zu verstehen geben, dass Planwirtschaft bisher nicht wirklich funktionierte. Als Tatbeweis wird er womöglich den Untergang der Sowjetunion ins Feld führen.

Doch warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Schlechte liegt so nah. Es heisst Ärztestopp. Seit Jahren ringen Politiker um diesen planwirtschaftlichen Fehlgriff und nun wollte der Bundesrat den Zulassungsstopp gesetzlich verankern. Doch das Parlament versenkte ihn in der zurückliegenden Wintersession.


Der linke Sozialminister Alain Berset warnte vor höheren Prämien. Nicht zu Unrecht wird befürchtet, dass nun ausländische Ärzte ins Land strömen, um hier eine Praxis zu eröffnen und vom grosszügigen Gesundheitssystem zu profitieren. Dabei gäbe es ein geeignetes Mittel, dem entgegenzuwirken. Es genügt, den Vertragszwang aufzuheben. Politisch ist dies nach meiner Einschätzung chancenlos.


Doch die Krankenkassen haben schon heute die Möglichkeit, den Vertragszwang zu umgehen. Nehmen wir als Beispiel die Swica, welche mit Favorit Medpharm ein neues Telmed-Produkt lancierte. Die Einschränkung des Kunden besteht darin, dass er vor einem Arztbesuch das Swica-eigene Ärztezentrum Santé24 anrufen muss. Danach darf man aber nur einen Arzt aufsuchen, der auf der Medpharm-Ärzteliste aufgeführt wird. Auf den ersten Blick ist das eine krasse Einschränkung; auf den zweiten eine freie Arztwahl: Über 17'000 Ärztinnen und Ärzte figurieren auf der Liste; davon praktizieren 2021 im Kanton Bern. Andere Kassen haben ähnliche Produkte. Sie können die Ärzteliste problemlos einschränken, ohne dass der Kunde dadurch einen gröberen Nachteil in Kauf nehmen muss. Schon hätten wir so etwas wie einen Markt. Doch die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer will im Gesundheitswesen gar keinen Markt. Sie will lieber über die jährlich steigenden Prämien jammern.

 

Erschienen in der BZ am 26. Januar 2016

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Claude Chatelain