Muss der Vorbezug der Pensionskasse zurückbezahlt werden?

Viele Leute finanzieren ihr Eigenheim mit dem Ersparten der Pensionskasse. Was viele nicht wissen: Der Vorbezug muss grundsätzlich wieder zurückbezahlt werden. Doch es gibt Ausnahmen. Viele Ausnahmen.

Wechselt das Eigenheim den Besitzer, so muss der Vorbezug der Pensionskasse zurückbezahlt werden. Unabhängig davon, ob das Haus oder die Wohnung verkauft oder vererbt wird.  Es sei denn, das Wohneigentum geht auf eine Person über, die vorsorgerechtlich begünstigt ist.
Vorsorgerechtlich begünstigt ist der Ehegatte und die minderjährigen oder unterstützungspflichtigen Kinder bis 25 Jahre. Unter Umständen zählt auch die geschiedene Witwe zu den begünstigten Personen. Zudem können die Vorsorgeeinrichtungen in ihren Reglemente weitere Begünstigte vorsehen.


Vereinfacht gesagt: Hat eine Person beim Tod des Hausbesitzers Anspruch auf Leistungen der Pensionskasse, so besteht keine Rückzahlungspflicht des Vorbezugs. Will aber der oder die neue Besitzerin das Eigenheim verkaufen, so muss der Vorbezug der Pensionskasse zurückbezahlt werden.


Die Pflicht zur Rückzahlung ist nicht endlos


Freilich gilt zu beachten, dass die Rückzahlungsfrist drei Jahre vor der Entstehung auf Altersleistungen endet. Das kann frühestens mit Alter 55 sein, sofern die Pensionskasse in ihrem Reglement Frühpensionierungen ab Alter 58 vorsieht.


Beispiele: Ein 50-jähriger Mann erbt das Haus seines verstorbenen Vaters. Der 85-Jährige hatte den Vorbezug von 80 000 Franken seiner Pensionskasse nicht zurückbezahlt. Der erbberechtigte Sohn muss dies auch nicht tun, weil sein Vater aufgrund des Vorbezugs mit einer tieferen Rente Vorlieb nehmen musste.  Hinzu kommt, dass die Rückzahlungspflicht drei Jahre vor Entstehung des Anspruchs auf eine Altersrente so oder so endet.


Beispiel 2: Ein 48-jähriger Alleineigentümer hinterlässt eine Ehefrau, eine 21-jährige Tochter und einen 17-jährigen Sohn. Ein Testament gibt es nicht. Die Ehefrau besitzt 50 Prozent des Vermögens; die beiden Kinder je 25 Prozent. Es besteht keine Rückzahlungspflicht, denn der Tod des 48-Jährigen löst Leistungen der Pensionskasse aus.


Beispiel 3: Eine alleinerziehende Mutter stirbt. Ihre Eigentumswohnung hat sie mit einer Erbschaft und einem Vorbezug aus ihrer Pensionskasse finanziert. Ihre 31-jährige Tochter ist alleinige Erbin und will in die Wohnung der Mutter ziehen. Ob sie nun den Vorbezug zurückzahlen muss, hängt vom Reglement der Pensionskasse ab. Möglich ist, dass die Vorsorgeeinrichtung in solchen Fällen im Rahmen ihrer überobligatorischen Leistungen der Tochter ein Todesfallkapital auszahlt. In diesem Fall bestünde keine Rückzahlungspflicht. Falls aber das Reglement keine Leistungen für die 31-jährige Tochter vorsieht, muss sie den von ihrer Mutter getätigten Vorbezug der Pensionskassw zurückzahlen. Sollte Sie dazu nicht in der Lage sein, müsste sie die Hypothek oder allenfalls die Wohnung verkaufen.


Beispiel 4: Ein Ehepaar will in einen anderen Kanton zügeln. Es verkauft das Haus und will, sobald fündig, am neuen Wohnort eine Eigentumswohnung kaufen. Trotz des Verkaufs muss der Vorbezug von 50 000 Franken nicht zurückbezahlt werden. Bedingung: das Paar findet innert zwei Jahren ein neues Eigenheim. Zudem müssen die 50’000 Franken auf ein Freizügigkeitskonto überwiesen werden.

 

Beispiel 5: Eine Frau erbt das Haus des mit 50 Jahren verstorbenen Mannes. Sie muss den Vorbezug nicht zurückzahlen. Sie heiratet wieder und gewährt ihrem neuen Mann die Nutzniessung, falls ihr etwas zustossen sollte. Aufgepasst: Trotz dieser Nutzniessung muss der  Pensionskassenvorbezug nicht zurückbezahlt werden. In diesem Fall ist die Rückzahlungspflicht mit dem Tod erloschen.   

 

 

INFOTHEK

Was beim Vorbezug für die Finanzierung von Wohneigentum zu beachten ist:

  • Ein Vorbezug kann alle fünf Jahre geltend gemacht werden.
  • Versicherte, die das 50. Altersjahr überschritten haben, dürfen höchstens die Freizügigkeitsleistung beziehen, auf die sie im 50. Altersjahr Anspruch gehabt hätten, oder die Hälfte der Freizügigkeitsleistung im Zeitpunkt des Bezugs.
  • Die Rückzahlungspflicht endet drei Jahre vor Entstehung des Anspruchs auf Altersleistungen oder mit der Barauszahlung der Freizügigkeitsleistung zum Beispiel  infolge Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit.
  • Der Vorbezug muss spätestens drei Jahre vor Entstehung des reglementarischen Anspruchs auf Altersleistungen geltend gemacht werden. Eine Vorsorgeeinrichtung hat aber die Möglichkeit, im Reglement eine kürzere Frist zu definieren.

 

 

Erschienen in der BZ am 26. Januar 2016


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Claude Chatelain