Wie der Januar, so das ganze Jahr?

Die chinesische Börse bereitet Händlern Kopfzerbrechen.
Die chinesische Börse bereitet Händlern Kopfzerbrechen.

Die Aktienkursverluste an den Börsen hielten sich gestern in Grenzen. Doch aufgrund des missglückten Börsenstarts sind Experten bei Aktien nicht mehr so positiv eingestellt wie noch zu Beginn des Jahres.

Fallen die Kurse nach einer mehrjährigen Hausse, stellt sich spontan die Frage: Ist das der Beginn einer längerfristigen Baisse oder bloss einer kurzfristigen Korrektur? Die Antwort ist so banal wie die Frage: Man weiss es nicht. Tatsache ist höchstens, dass gewisse Banken den Kompass neu ausrichten. Gemäss einer aktuellen Umfrage von «Finanz und Wirtschaft» (F+W) sind Aktien nur noch bei der Hälfte der an­gefragten Banken die bevorzugte Anlageklasse. Anfang Jahr war es noch eine klare Mehrheit.

 

SMI: Minus 6,4 Prozent

 

In der ersten Börsenwoche des Jahres stürzte der Swiss-Market-Index (SMI) um 6,4 Prozent in die Tiefe. Einen so schlechten Start erlebte das Börsenbarometer der 20 grössten Schweizer Titel noch nie. Der Deutsche Aktienindex (DAX) verlor gar 8,3 Prozent. Gestern wurde der Kurszerfall gestoppt, was freilich für den weiteren Verkauf nichts heissen will.

 

Für Roland Egger von Lombard Odier Zürich ist die «gewaltige Marktkorrektur» hauptsächlich mit den Turbulenzen in China zu erklären, wo sich Regulatoren schon zweimal gezwungen sahen, aufgrund der heftigen Kursverluste die Börsen vorzeitig zu schliessen. «Wir raten Investoren, abzuwarten, bis sich der Trubel gelegt hat», rät Lombard Odier. Derweil warten Credit Suisse und Pictet auf günstigere Einstiegsgelegenheiten. Sie rechnen offenbar mit weiteren Kursrückschlägen.

 

Das Warten auf noch tiefere Aktienkurse könnte sich allenfalls hinziehen. Nämlich so lange, als die Zinsen auf dem Boden verharren und Obligationen kaum Renditen abwerfen. So gehört Marcel Schnyder von der Bank Reichmuth in Luzern zu jenen Anlageexperten, die nicht an eine Trendwende glauben und die jetzige Korrektur mit Zukäufen nutzen, wie er der F+W verrät.

 

Chinas Börse für Gambler

 

Dass die chinesische Konjunktur viele Fragezeichen aufweist, ist nämlich keineswegs neu. So verweist die Zürcher IHAG Privatbank, die sich im Besitz der Gründerfamilien Bührle und Anda befindet, auf die gesamtwirtschaftliche Lage, die sich in keiner Weise so verschlechtert habe, wie das die Börsen implizierten. Auch der Kommentator der St. Galler Kantonalbank erinnert daran, dass die chinesische Börse ein Tummelplatz für Gambler ist und keineswegs den Zustand der chinesischen Wirtschaft zu spiegeln vermag.

 

Für die IHAG Privatbank befinden sich die Börsen generell in einem Seitwärtstrend. Die weltweite Konjunktur sei nur in den USA und in abgeschwächter Form in Europa in Ordnung. Die Schwellenmärkte, die früheren Wachstumslokomotiven, dürften sich höchstens stabilisieren, kaum jedoch Wachstumsimpulse liefern. «Zwar erwarten wir keine harte Landung, aber die Risiken haben deutlich zugenommen», steht im gestrigen IHAG-Kommentar zu lesen.

 

Wie der Januar . . .

 

«Wie der Januar, so das ganze Jahr»: JPMorgan Asset Management drückt die Hoffnung aus, «dass sich die alte Weisheit der Wallstreet, gemäss der das ganze Jahr so verläuft, wie der Januar verlief, im Jahr 2016 nicht bewahrheitet». Diese Regel bestätigte sich in den vergangenen 86 Jahren 78-mal. Doch wie JPMorgan selber einräumt, ist das angelaufene Jahr noch jung, und «es bleibt noch ausreichend Zeit für eine Erholung in diesem Monat».

 

Wie so oft bei unsicheren Zeiten flüchten Experten mitunter in Allgemeinplätze. So schreibt etwa die Vanguard Asset Management: «Hohe Volatilitäten sind nicht zu vermeiden, doch für langfristig orientierte Anleger leicht zu handhaben, sofern sie die Bedeutung eines gut diversifizierten Portefeuilles verstünden.»

 

Wenn Vermögensberater nicht weiterwissen, verweisen sie gerne auf den Umstand, dass man gemäss Lehrbuch nur bei einem langfristigen Anlagehorizont Aktien kaufen sollte.

 

Verkauf lohnte sich

 

Doch für Privatanleger sind fallende Kurse nicht zwingend eine schlechte Nachricht. Viele sitzen auf einem dicken Cashpolster und warten nur darauf, sich mit günstigen Aktien eindecken zu können. Der Swiss-Market-Index schloss gestern bei 8264 Punkten, über 13 Prozent unter dem letztjährigen Höchst von 9538 Punkten, erzielt am 5. August 2015.

 

Es fehlte damals nicht an Stimmen, die zum Verkauf von Aktien rieten. Der Raiffeisen-Ökonom Martin Neff sagte Ende Juli 2015 voraus, dass der SMI noch im Jahr 2015 unter die Schwelle von 9000 Punkten fallen werde. «Anleger sind nicht schlecht beraten, wenn sie heute einen Teil der Kursgewinne realisieren», sagte Neff in einem Interview. Wer seinem Ratschlag Folge leistete, kann heute den SM-Index, zum Beispiel in Form eines börsengehandelten Indexfonds (ETF), um 10 Prozent günstiger erwerben.

 

Erschienen in der BZ am 12. Januar 2016

ANZEIGE

Claude Chatelain