Vierte Säule : Alle jammern wegen dem Franken. Niemand frohlockt wegen dem Öl

Leuten meines Alters ist der Ölschock von 1973 noch in lebendiger Erinnerung. Die arabischen Länder drehten den Ölhahn zu, um die westlichen Staaten wegen ihrer Unterstützung Israels zu bestrafen.

Im November 1973 verordnete Deutschland Sonntagsverbote.
Im November 1973 verordnete Deutschland Sonntagsverbote.

Der Ölpreis stieg. Industrieländer gerieten in eine Rezession. Das Phänomen «autofreie Sonntage» wurde erfunden, nicht aus umwelt-, sondern aus konjunkturpolitischen Gründen. Schweizerinnen und Schweizer lernten ein neues Wort kennen: Arbeitslosigkeit.

 

Und wer es noch nicht wusste, merkte es spätestens in jenem verhängnisvollen Herbst 1973: Die westlichen Länder sind extrem von arabischen Ländern abhängig. Das Gedeihen einer Volkswirtschaft ist eine Funktion des Erdölpreises.

 

Mittlerweile hat die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen abgenommen. Und doch ist das Erdöl auch heute noch mehr als ein Schmiermittel für den Konjunkturmotor. Der Preis für ein Fass Öl beträgt um die 32 Dollar. Der tiefste Stand seit elf Jahren. Vor einem Jahr kostete das Fass noch 100 Dollar. Haben Sie, liebe Leser, aufgrund des historisch tiefen Ölpreises ein Frohlocken der Wirtschafskapitäne vernommen? Mir wäre es entgangen. Nicht entgangen sind mir aber die ohrenbetäubenden Klagen über den Frankenschock.

 

Der schwache Euro macht der Exportindustrie zweifellos zu schaffen. Doch wenn es Exportverlierer gibt, gibt es auch Importgewinner. Diesmal sogar auf zwei Ebenen: Der starke Franken verbilligt die Importe und damit die Herstellungskosten. Dass im vergangenen Jahr die Ausrüstungsinvestitionen insgesamt gestiegen sind, ist deshalb keine Überraschung. Denn die Produktion wird nicht nur durch tiefere Importpreise verbilligt, sondern eben auch durch die tiefen Erdöl- und die anderen Rohstoffkosten.

 

Man wird nicht erstaunt sein, wenn die an der Schweizer Börse kotierten Gesellschaften auch dieses Jahr wieder rekordhohe Dividenden ausschütten werden.

 

Erschienen in der BZ am 12. Januar 2016                            

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Claude Chatelain