Dank tiefer Erdölpreise sparen Energiekonsumenten 2000 Milliarden Dollar

Die Börsen sind nicht gerade hoffnungsvoll ins neue Jahr gestartet: Der Swiss Market Index (SMI) verlor an vier Handelstagen über 4 Prozent; der deutsche Aktienindex (DAX) 7 Prozent und der Dow Jones Industrial bis Redaktionsschluss ebenfalls 4 Prozent. Wie so oft ist der «Sünder» schnell ausgemacht: Diesmal ist es China. Dort befinden sich die Aktien im freien Fall, wobei an der Börse von Shanghai der freie Fall systembedingt immer nur kurz ist. Ein Schutzmechanismus stoppt den Handel bei einem Kursverlust von 5 Prozent.

Wo genau die Probleme im Reich der Mitte liegen, ist nicht gewiss. Es kursieren Ängste, wonach die Wirtschaft weniger stark wächst als erwartet. Andere zweifeln generell am chinesischen Wachstumsmodell und hegen ihre Zweifel, ob man in einem derart komplexen und riesigen Land mit über einer Milliarde Einwohnern das Wirtschaftswachstum überhaupt steuern kann.


Es ist voreilig, die Kursabschläge in Europa und Übersee mit China zu erklären. Tatsache ist, dass  die Notenbanken seit sieben Jahren die Volkswirtschaften mit Geld überfluten, ohne dass dadurch der Konjunkturmotor anzuspringen vermochte. Das widerspricht jeglicher Erfahrung und somit auch jedem Lehrbuch. Statt in die Wirtschaft fliesst das Geld in die Aktienmärkte.


Neben der Geldschwemme gibt es noch ein anderes Phänomen, das zu denken gibt: die fehlende Wirkung des gefallenen Erdölpreises. Davon ist wenig zu hören. Billiges Erdöl reduziert Herstellungs- und Transportkosten. Je tiefer der Ölpreis, desto mehr bleibt für andere Ausgaben übrig. Also müsste dadurch die Konjunktur erst recht angekurbelt werden können. Dank des Ölpreiszerfalls sparten die Konsumenten von Erdöl im zurückliegenden Jahr 2000 Milliarden Dollar, rechnet der Raiffeisenökonom Martin Neff vor. Das sind 2,5 Prozent des globalen Brutto-Inlandprodukts (BIP), das Dreieinhalbfache des BIP in der Schweiz.  


Wo stünde die Weltwirtschaft ohne diese herausragenden Rahmenbedingungen in Form des billigen Schmiermittels? Vermutlich in einer globalen Rezession. Was bedeutet es für die globale und amerikanische Wirtschaft, sollten die Saudis den Ölpreiskrieg gegen die USA abbrechen und den Hahn wieder etwas zudrehen? Ein höherer Ölpreis könnte den stotternden Konjunkturmotor wieder abwürgen. Und das könnte die US-Notenbank dazu veranlassen, den Geldhahn wieder zu öffnen. Die Hoffnung auf eine Zinswende in den USA, wie sie am 16. Dezember 2015 mit einer leichten Leitzinserhöhung eingeläutet wurde, wäre bereits verflogen. Das ist nur eines von vielen möglichen Szenarien.


Die Kursverluste in Europa und Übersee sind eher mit solchen Unsicherheiten zu begründen als mit den Verwerfungen am chinesischen Aktienmarkt, zumal die chinesische Börse vorab ein Tummelplatz für Spekulanten und kein Abbild der chinesischen Wirtschaft ist. Es gibt nichts, was Anleger so sehr hassen wie Unsicherheit.

 

Erschienen in der BZ am 8. Januar 2016

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Claude Chatelain