Nur wenige legen das Geld der 2. Säule selber an

Nach Gesetz könnten Angestellte mit hohem Einkommen die Anlagestrategie selber wählen. Doch die Arbeitgeber verspürten bisher wenig Lust, entsprechende Voraussetzungen zu schaffen. Dank einer Anpassung des Gesetzes könnte sich das ändern.

Versicherte der 2. Säule können die Strategie der Anlage für ihre Gelder nicht selber bestimmen. Sie sind auf Gedeih und Verderb auf ein geschicktes Händchen der Anlageexperten ihrer Pensionskasse angewiesen. Wobei der ­Gesetzgeber Vorgaben macht, um spekulatives Anlegen zu beschränken. Doch für Leute mit hohem Einkommen, insbesondere Kader, besteht die Möglichkeit, die Anlagestrategie selber zu wählen; dies freilich nur für Lohneinkommen über 126'900 Franken. Und dies nur in Fällen, in welchen der Arbeitgeber eine spezielle Kaderversicherung einrichtet, auch Beletage genannt.

 

Individuelle Beratung

 

Noch sind individuelle Anlagestrategien selten. Novartis und ABB bieten ihren Kadern solche an. Bekannt ist zudem die Sammelstiftung Pensflex in Luzern, die sich auf individuelle Vorsorgelösungen spezialisiert. Rund 800 Firmen mit rund 3000 in der Kaderversicherung versicherten Personen lassen sich von Pensflex individuell beraten. Bis zu zehn Anlagestrategien stehen ihnen zur Verfügung. «Wir beraten alle Mitarbeiter individuell. Je nach Alter sind unterschiedliche Strategien zu empfehlen», sagt Geschäftsführer Jürg Odermatt. Auch die Wahrscheinlichkeit eines Vorbezugs für die Finanzierung des Eigenheims oder ein möglicher Berufswechsel müssten bei der Wahl der Strategie mit berücksichtigt werden. Für Odermatt ist klar, dass Kadermitarbeiter mit einer individuellen Anlagestrategie längerfristig eine höhere Rendite erzielen als mit der Basisversicherung, also mit den Lohnbestandteilen bis 126'900 Franken.

 

«Es ist paradox, dass die Pensionskassenguthaben zwar auf einem individuellen Versichertenkonto gutgeschrieben werden, die PK-Versicherten aber nicht mitbestimmen können, wie ihre Vorsorgegelder angelegt werden», sagt Jürg Odermatt. Nach seiner Meinung sollten sämtliche überobligatorisch angesparten Gelder nach individuellen Bedürfnissen angelegt werden dürfen, das heisst alle Lohnbestandteile ab 84'600 Franken. Zur Erinnerung: Obligatorisch zu versichern sind nur Lohnbestandteile zwischen 21'150 und 84'600 Franken.

 

Individuell statt solidarisch

 

Doch wer bezahlt, wenn die An­lagestrategie nicht aufgeht und Kursverluste entstehen? Spontan würde man antworten: der betreffende Mitarbeiter. Dies ist jedoch nicht der Fall. Bei einem Stellenwechsel müssten die verbleibenden Versicherten oder allenfalls der Arbeitgeber für die Verluste geradestehen.

 

Das ändert sich. Das Bundesparlament berät derzeit eine Gesetzesänderung. Danach sollen Versicherte in der 2. Säule, welche für den überobligatorischen Teil ihres Vorsorgekapitals die Anlagestrategie selber wählen können, in jedem Fall nur den effektiven Wert des Vorsorgeguthabens erhalten. «Dies gilt auch für den Fall, wenn zum Zeitpunkt des Austritts aus der Vorsorgeeinrichtung ein Anlageverlust resultiert», schreibt der Bundesrat. Das heisst, bis die Gesetzesänderung in Kraft tritt, haftet der Arbeitgeber für allfällige Verluste. Diese Garantiehaftung könnte mit ein Grund sein, weshalb individuelle Anlagestrategien in der 2. Säule nach wie vor selten sind.

 

Die Gesetzesänderung ist übrigens unbestritten. Sie geht auf eine Motion aus dem Jahr 2008 von SVP-Nationalrat Jürg Stahl zurück. Dass sieben Jahre ins Land ziehen, ehe die Gesetzes­lücke in den Rat kommt, könnte laut Experten darauf zurückzuführen sein, dass die Verantwort­lichen im Bundesamt für Sozialversicherungen keinerlei Anreize verspüren, individuelle Anlagestrategien in der beruflichen Vorsorge zu fördern. «Komplett falsch», sagt Colette Nova zu diesem Vorwurf. Ein Amt könne nicht selber bestimmen, wann es welche Gesetzesrevisionen aufgrund eines Vorstosses anpacken will, so die zuständige Vizedirektorin im Bundesamt für Sozialversicherungen. «Eine Gesetzesrevision für eine einzige Gesetzesbestimmung ist wegen dem damit verbundenen grossen Aufwand unverhältnismässig und daher unüblich.» Folglich suche man einen jeweils einen gesetzgeberischen "Zug", an dem man noch einen "Wagen" anhängen könne.

 

Erschienen in der BZ am 15. Dezember 2015

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Claude Chatelain