Fachkräftemangel — von wegen

Nicht alle Pflegefachleute dürfen über das AHV-Alter hinaus arbeiten —auch wenn sie möchten
Nicht alle Pflegefachleute dürfen über das AHV-Alter hinaus arbeiten —auch wenn sie möchten

Kaum eine Branche ist derart auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen wie der Gesundheitssektor. Von Bemühungen, ältere Fachpersonen im Arbeitsmarkt zu behalten, ist freilich nichts zu spüren.

Obschon die Schweizer Volkswirtschaft alles Interesse hätte, die älteren Arbeitnehmer möglichst über das offizielle Rentenalter hinaus im Arbeitsmarkt zu behalten, schicken etliche Konzerne ihre Leute immer noch mit grosszügigen Leistungen vorzeitig in Pension. Denn wie Martin Kaiser vom Arbeitgeberverband dieser Zeitung sagte, werden in nächster Zeit im Schnitt 50 000 mehr Leute den Arbeitsmarkt verlassen als neue nachrücken werden (Ausgabe vom 30. November 2015). Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann verpasst keine Gelegenheit, um auf den herrschenden Fach­kräftemangel aufmerksam zu ­machen.

 

«Fachkräftemangel? Ich kann es nicht mehr hören», sagt der diplomierte Pensionskassenexperte Martin Freiburghaus. Er ist Geschäftsleiter der Veska-Pensionskasse in Aarau, welche Mitarbeiter von Spitälern, Alters- und Pflegeheimen und Spitex­organisationen versichert.

 

Unfreiwillig pensioniert

 

«Noch heute zwingen viele Arbeitgeber ihr Personal mit Alter 64 oder 65 in Pension, auch wenn es länger arbeiten möchte.» Die Aussage von Martin Freiburghaus erstaunt. Ausgerechnet im Gesundheitswesen, wo angeblich die Personalnot besonders akut sein soll, wird arbeitswilligen Pflegefachleuten verwehrt, den Fachkräftemangel zu entschärfen. «Als bei mir eine zwangspensionierte Frau am Telefon beinahe weinte, telefonierte ich mit dem Personalchef», erzählt Martin Freiburghaus. Die Antwort des Personalchefs: «Wir wollen nicht, dass im Kantonshauptort diskutiert wird, dass Verena X weiterarbeiten durfte und Hans B., welchen man gerne pensionierte, jedoch nicht. Deshalb diese starre Regelung.» Die Frau arbeitete zwanzig Jahre im OP und hätte gerne weiter gearbeitet.

 

Ein anderes grosses Kantonsspital aus der Ostschweiz macht es laut Freiburghaus fast gleich. Für langjährige Mitarbeitende leiste es hohe Zahlungen für die AHV-Überbrückungsrente. Als der Pensionskassen-Geschäftsführer diese falschen Anreize kritisierte, musste er sich sagen lassen: «Das rentiert für uns, als dynamisches Kantonsspital finden wir genug günstigere, junge, allenfalls ausländische Arbeitskräfte.» Um welche Spitäler es sich handelt, will Freiburghaus nicht sagen. Er will die Leute, mit denen er beruflich zu tun hat, nicht verärgern.

 

Nicht die Regel

 

Helene Zaugg, Präsidentin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK), kennt ebenfalls Fälle, in welchen Fachpersonen nicht übers AHV-Alter hinaus arbeiten durften, obschon sie eigentlich wollten. Nach ihrer Beobachtung sei das jedoch nicht die Regel.

 

Die Regel scheint hingegen zu sein, dass Spitäler und andere ­Gesundheitseinrichtungen kaum Anreize schaffen, um ihre erfahrenen Mitarbeiter über das AHV-Alter hinaus weiter zu beschäftigen. Darauf angesprochen flüchten sich Spitaldirektoren und Verbandsvertreter in Allgemeinplätze, wonach der Pflegeberuf sehr anstrengend sei und die Mitarbeitenden häufig gar keine Lust hätten, länger als nötig erwerbstätig zu bleiben.

 

Personalnot und Leidensdruck halten sich offenbar in Grenzen, solange das Reservoir ausländischer Arbeitskräfte nicht versiegt und die Regierung keine ernst zu nehmenden Massnahmen ergreift, die Zuwanderung zu ­drosseln.

 

Pensionskassenexperte Martin Freiburghaus kennt Fälle, bei denen es auch anders geht. Er denkt an eine kleine Spitexorganisation am linken Zürichsee­ufer. Zwei ihrer Mitarbeiterinnen sind inzwischen 66 und 68 Jahre alt.

 

Erschienen in der BZ am 7. Dezember 2015

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Claude Chatelain