Finanzkonzerne torpedieren die Politik

Vertreter von Politik und Wirtschaft setzen sich dafür ein, dass ältere Arbeitnehmer länger dem Arbeitsmarkt erhalten bleiben. Die Bemühungen werden jedoch torpediert. Grossbanken schicken ihre Mitarbeiter immer noch vor dem AHV-Alter in Pension.

«Je älter die Bevölkerung wird, desto wichtiger wird es, dass Ältere im Erwerbsleben verbleiben.» Das sagte Aymo Brunetti. Doch der Wirtschaftsprofessor von der Uni Bern sagte dies nicht gestern: Er sagte es im März 2007 gegenüber der Wirtschaftszeitung «Cash». Damals war er Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft Seco.

 

Inzwischen hat sich diese Erkenntnis in der Wirtschaft durchgesetzt. Bürgerliche Politiker möchten sogar das Rentenalter auf 67 Jahre anheben. Und beim Arbeitgeberverband hat das Postulat, Mitarbeitende länger im Arbeitsprozess zu halten, in der Strategie Eingang gefunden, wie Geschäftsleitungsmitglied Martin Kaiser erklärt: «Wir sensibilisieren unsere Mitglieder seit langem dafür.»

 

Banken machen nicht mit

 

Bei den Grossbanken oder auch bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) ist diese Sensibilisierung noch nicht angekommen. Ausgerechnet jene Institute, die «too big to fail» sind und zur Not vom Steuerzahler gerettet werden müssen, schicken ihre Leute mit komfortablen Altersleistungen vorzeitig in Pension (siehe Kasten unten).

 

Andere Konzerne führen zwar offiziell Rentenalter 65 für Männer und 64 für Frauen. Doch faktisch liegt das Rentenalter häufig darunter. Das ist zum Beispiel bei Novartis der Fall. Der Pharma­gigant führt fast chronisch ­irgendwelche Reorganisationen durch, bei welchen vorab langjährige Mitarbeiter über die Klinge springen müssen. Andere Unternehmen haben derart grosszügige Pensionskassenlösungen, dass Mitarbeitende sich freiwillig vorzeitig pensionieren lassen, insbesondere Kaderleute.

«Die gut ausgebauten Pensionskassen sind ein Hemmschuh dafür, ältere Mitarbeiter länger im Erwerbsprozess zu behalten», meint der Berner Ständerat Werner Luginbühl. Der BDP-Politiker denkt dabei nicht nur an Frühpensionierungen, sondern an generelle Bemühungen, ältere Mitarbeiter über das ordentliche Pensionierungsalter hinaus im Erwerbsprozess zu behalten. Denn etliche Unternehmen haben ihre Personal- und Pensionskassenreglemente schon vor Jahren so angepasst, dass arbeitswillige Mitarbeiter bis 70 im Betrieb bleiben können, falls das im gegenseitigen Interesse ist.


Das gilt etwa auch für die Mobiliar. Doch CEO Markus Hongler bestätigt, dass zu wenig Mitarbeitende davon Gebrauch machen. Man könne froh sein, wenn die Leute bis zum ordentlichen Rentenalter erwerbstätig blieben. Ob das mit den guten Leistungen der Pensionskasse zusammenhängt oder ob heute ganz einfach andere Lebensentwürfe gelten, mag er nicht bewerten.

Zwei Modelle

Viele Unternehmen haben ihre Personalreglemente umgeschrieben, um älteren Mitarbeitern eine Weiterbeschäftigung bis zum Alter von 70 zu ermöglichen. Etwas anderes ist das Pensionsreglement. Gemäss BVG ­endet die Versicherungspflicht, wenn das ordentliche Rentenalter erreicht wird, also mit 65 bei Männern und mit 64 bei Frauen. Somit ist es Pensionskassen überlassen, wie weit sie für ältere Mitarbeiter eine Versicherung in der 2. Säule ermöglichen wollen. Gängig sind zwei Modelle: Bei der UBS werden die Altersleistungen der 2. Säule mit dem ordentlichen Pensionsalter fällig. Bei der CS oder der Mobiliar hingegen kann man den Bezug der Altersrente bis zum 70. Altersjahr hinausschieben. Das Altersguthaben wird weiter verzinst, jedoch nicht weiter durch Altersgutschriften geäufnet



Zumindest ein kleiner Wandel


Martin Keiser vom Arbeitgeberverband stellt immerhin eine Verbesserung fest: So sei in den letzten zehn Jahren das faktische Austrittsalter von Frauen und Männern um ein Jahr auf gut 64 für Männer und knapp 63 für Frauen gestiegen. «Dazu beigetragen hat zweifellos die Ausschöpfung von bereits vorhandenen Möglichkeiten zu einem Verbleib in den Vorsorgeeinrichtungen über das Alter 65 hinaus», meint Keiser. Vielerorts habe es in den Unternehmen einen Kulturwandel gegeben.

Das ist auch absolut notwendig: «Aufgrund der demografischen Alterung werden in den nächsten zehn Jahren pro Jahr im Durchschnitt rund 50 000 mehr Arbeitskräfte aus Altersgründen den Arbeitsmarkt verlassen, als junge Arbeitskräfte nachrücken.» Wenn diese Lücke nicht geschlossen werde, gehe das zulasten des notwendigen nachhaltigen Wirtschaftswachstums und damit des Wohlstands.


Das wiederum wäre laut Keiser auch für die Sozialversicherungen - allen voran die Altersvorsorge - äusserst unklug. Sie werden aufgrund der demografischen Alterung mehr denn je auf Lohnbeiträge angewiesen sein. Gingen 2010 noch 35'000 Menschen in der Schweiz in Rente, steigt diese Zahl im Jahr 2030 auf 60'000.


Viele halten an vorzeitigen Pensionierungen fest

Bei der Credit Suisse beträgt das ordentliche Pensionierungsalter für Frauen und Männer 63 Jahre, ungeachtet der Funktionsstufe. Auch die UBS schickt ihre Mitarbeiter vorzeitig in Pension, wobei sie kürzlich immerhin das Rentenalter für die Jahrgänge 1955 und jünger von 62 auf 64 Jahre erhöhte. Bei der Zürcher Kantonalbank beträgt das Rentenalter zarte 62 Jahre. Zur Erinnerung: Wie die beiden Grossbanken ist auch die ZKB «too big to fail».


Andere Finanzkonzerne erhöhten das Rentenalter in den vergangenen Jahren auf 65 Jahre. Bis Ende 2006 lag das ordentliche Rücktrittsalter bei der Swiss Re bei 60 Jahren - und dies zum Teil mit voller Rente. Dann wurde das Rentenalter auf Alter 63 angepasst und liegt nun seit Anfang 2015 für Frauen und Männer bei 65 Jahren.


Selbst öffentliche Verwaltungen schicken ihre Leute frühzeitig in Pension. Damit verschärfen sie den Fachkräftemangel. Der Kanton Bern hat das Rentenalter erst auf Anfang 2015 auf 65 erhöht; die rot-grüne Stadt Bern hat immer noch Rentenalter 63. Und der Kanton Basel-Stadt wird das Rentenalter für Frauen und Männer erst auf den 1. Januar 2016 auf 65 Jahre erhöhen.



Swiss Life gehört zu jenen Unternehmen, bei welchen das Engagement für ältere Mitarbeiter über das Lippenbekenntnis hinausgeht. «Zusätzlich zur Möglichkeit der ordentlichen Weiterbeschäftigung bis 70 Jahre haben wir im Aussendienst vor drei Jahren das Berufsbild «Vorsorgeberater Senior» entwickelt und eingeführt», erklärt Kommunikationschef Martin Läderach. Ein Vorsorgeberater Senior ist eine Person, welche zu 100 Prozent pensioniert ist. Sie kann jedoch mit einem solchen Vertrag, der im Grundsatz ein Adressvermittlervertrag ist, weiterarbeiten und auch selber beraten, behält das Notebook und hat weiter die gleichen IT-Berechtigungen wie ein Vorsorgeberater. Das heisst, er oder sie ist - obwohl pensioniert - immer noch ins Arbeitsleben integriert. Dahinter steht laut Läderach die Absicht, dass die erfahrenen Vorsorgeberater mit einem grossen Portefeuille wie im Göttisystem die jungen Vorsorgeberater betreuen, begleiten und einführen. «Aktuell erarbeiten wir weitere Massnahmen und Angebote, damit unsere Mitarbeitenden - auch jene im Innendienst - leistungsfähig und motiviert im Arbeitsprozess bleiben», erklärt Läderach.

 

Erschienen in der BZ am 30. November 2015


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Claude Chatelain