Unglaublich: Selbst Geschiedene erhalten Witwenrenten

Stirbt ein geschiedener Mann, wird seine Ex-Frau unter gewissen Voraussetzungen eine Rente erhalten. In manchen Fällen nicht nur von der AHV, sondern auch von der Pensionskasse, obschon das Guthaben bei der Scheidung geteilt wurde.

Es ist zwar unverständlich, aber weitgehend bekannt, dass auch kinderlose Witwen Anspruch auf Witwenrenten haben. Ebenfalls unverständlich, aber weitgehend unbekannt ist hingegen, dass selbst geschiedene Witwen ohne Kinder Anspruch auf Witwenrenten haben. Zwei Voraussetzungen müssen erfüllt sein:

  • Die Ehe dauerte mindestens zehn Jahre
  • Die Frau war bei der Scheidung mindestens 45 Jahre alt.

 

Beispiel: Kinderlose Ehe

 

Beispiel: Eine kinderlose Ehe geht nach 15 Jahren in die Brüche. Der 50-jährige Mann und die gleichaltrige Frau setzten auf ihre Karriere, vielleicht konnten, vielleicht wollten sie keine Kinder haben. Die Scheidung erfolgt im Frieden. Weder Frau noch Mann erhalten Unterstützungsbeiträge, da beide finanziell auf eigenen Beinen stehen. Stirbt nun der Ex-Mann unverhofft, erhält die kinderlose Karrierefrau von der AHV eine Rente, im Maximum 1880 Franken im Monat. Wenn schon kinderlose Frauen eine Witwenrente erhalten, so gilt dies für Mütter erst recht. Solange eine Mutter ein Kind unter 18 Jahren hat, erhält sie eine Witwenrente, auch wenn die Ehe keine 10 Jahre dauerte und sie noch nicht 45 Jahre alt ist. Ihr Anspruch darauf erlischt, wenn das jüngste Kind 18 geworden und sie noch nicht 45 ist. Nicht nur von der 1. Säule, der AHV, auch von der 2. Säule, der beruflichen Vorsorge, bekommen Frauen verstorbener Ex-Männer unter Umständen eine Rente, mit Betonung auf «unter Umständen». Denn neben der 10-jährigen Ehedauer muss noch eine zweite Voraussetzung für einen Anspruch auf eine Geschiedenenwitwenrente erfüllt sein: Dem geschiedenen Ehegatten müssen im Scheidungsurteil nacheheliche Unterstützungsbeiträge zugesprochen worden sein. So steht es sinngemäss in der Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVV2). Die Fachwelt spricht von «Versorgerschaden». Das heisst, die Pensionskasse zahlt nur so lange eine Geschiedenenwitwenrente, als die Frau von ihrem verstorbenen Ex-Mann Anspruch auf Ehegattenalimente gehabt hätte. Und sie deckt nur den effektiven Versorgerschaden, das heisst die Differenz zwischen der Witwenrente und den Ehegattenalimenten.

 

Beispiel: Frau mit zwei Kindern

 

Zweites Beispiel: Ein Ehepaar mit zwei minderjährigen Kindern reicht die Scheidung ein. Der Richter verfügt, dass der Vater für die Kinder und die Ex-Frau Alimente bezahlen muss. Wie heute gängig endet die nacheheliche Unterstützungspflicht mit dem 16. Geburtstag des jüngsten Kindes. Ist nun das jüngste Kind beim Tod des Vaters erst 13 Jahre alt, erhält die Frau von der Pensionskasse des Ex-Manns noch 3 Jahre eine Geschiedenenwitwenrente. Aber dies nur für den Fall, dass die nacheheliche Unterstützungspflicht höher ist als die Witwenrente aus der ersten Säule.

 

Beispiel: So wird angerechnet

 

Drittes Beispiel: Der Mann zahlt nach 11 Jahren Ehe seiner Ex-Frau monatlich 500 Franken, bis das jüngste Kind 16 Jahre alt ist. Der Mann stirbt, und die Frau erhält von der AHV eine Witwenrente von 1800 Franken pro Monat. Sie wird von der Pensionskasse keine Geschiedenenwitwenrente erhalten, weil die Witwenrente der AHV höher ist als die Ehegattenalimente und somit kein Versorgerschaden eingetreten ist. Die Rede ist hier allein von der Witwenrente. Unabhängig davon werden die Kinder von der AHV und der Pensionskasse des verstorbenen Vaters eine Kinderrente erhalten. Summiert man all die Renten, so kommt es nicht selten vor, dass die geschiedene Frau insgesamt für sich und die Kinder höhere Renteneinnahmen erzielt, als sie vorher vom Ex-Mann an Kinder- und Ehegattenalimenten erhalten hat. Das Gesetz ist das eine, das Reglement der Pensionskasse etwas anderes. So ist es Stiftungsräten freigestellt, im Reglement höhere Leistungen zu versprechen, als sie im Gesetz vorgeschrieben sind. Beobachter der Szene gehen davon aus, dass im Bereich der Witwenrenten für geschiedene Frauen überobligatorische Leistungen eher selten sind.

 

Wer hat, dem wird gegeben

 

Sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Säule gilt der Grundsatz: Geht die geschiedene Frau erneut den Bund der Ehe ein, so verliert sie den Anspruch auf die Witwenrente. Dem Autor dieser Zeilen ist mindestens ein Fall bekannt, in welchem eine Frau allein wegen des Verlusts der Witwenrente auf den Gang zum Zivilstandsbeamten verzichtet und die monetären Vorzüge des Konkubinats geniesst – von aussen betrachtet eine angenehme Situation.

 

Erschienen in der BZ am 24. November 2015

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Claude Chatelain