Sag’s doch zuerst per Telefon

Sie heissen Sanatel, Callmed 24, Telfirst, Tel Doc, Telcare, Medcall, oder Win Win. Es sind dies Telmed-Produkte der Krankenkassen. Die Angebote haben Gemeinsames, mehr und mehr aber auch Unterschiedliches.

Als vor gut zehn Jahren die ersten Telmed-Angebote auf den Markt kamen, sahen sie sich alle ähnlich: Es genügte, vor dem Arztbesuch mit dem telemedizinischen Dienst Kontakt aufzunehmen. Danach war man frei, einen Arzt aufzusuchen oder nicht. «Die Erfahrung zeigt, dass die Kostenersparnis bei Modellen ohne Restriktionen gering ist», weiss Stephan Wirz, Geschäftsleitungsmitglied beim Maklerzentrum in Basel.


Wahlfreiheit wird eingeschränkt


So haben die Anbieter die Wahlfreiheit mehr und mehr eingeschränkt. Ist der Arzt oder eine andere Fachperson am Telefon der Meinung, das geschilderte Leiden lasse sich sehr wohl mit ein paar Arzneimitteln behandeln, so bleibt dem Patienten der Arztbesuch verwehrt. Wer trotzdem zum Mediziner geht, muss Sanktionen in Kauf nehmen und im Extremfall die Arztkosten selber bezahlen. Bei anderen Modellen ist man nicht an die Weisungen von Medgate, Medi 24 oder Sante 24 gebunden, kann aber die Ärztin oder den Arzt nicht frei wählen. Diverse Krankenversicherer führen zwei Telmed-Modelle im Sortiment: Beim einen ist die telefonische Empfehlung verbindlich, beim anderen ist sie es nicht. Je einschneidender die Restriktionen, desto tiefer die Prämien.


Mittlerweile haben rund 1,1 Millionen Schweizerinnen und Schweizer die Grundversicherung mit einem Telmed-Modell abgeschlossen. Die jährliche Wachstumsrate beträgt laut Stephan Wirz 20 bis 25 Prozent.


«Das Ziel besteht darin, dass Kundinnen und Kunden wegen Bagatellen nicht gleich einen Arzt aufsuchen», sagt Swica-Chef Reto Dahinden. Und für Stephan Wirz vom Maklerzentrum ist die telemedizinische Beratung für Kunden nicht bloss wegen der günstigeren Prämien interessant, sondern auch weil die medizinische Beratung kostenlos ist: «Weder eine Franchise noch ein Selbstbehalt ist dafür zu bezahlen.» Zudem könnten Arztzeugnisse und Rezepte ausgestellt und Überweisungen gemacht werden, ohne dass dafür ein Arzt aufzusuchen ist.


Für Swica-Chef Reto Dahinden ist klar: «Ohne Restriktionen erzielt man keine Kostenersparnisse.» Doch während anfänglich viele Kassen die Telmed-Angebote als reine Marketinginstrumente zur Alternative von Billigkassen propagierten, so muss heute gegenüber dem Bundesamt für Gesundheit nachgewiesen sein, dass mit den Restriktionen auch wirklich Kosten eingespart werden können und damit die Rabattierung gerechtfertigt ist.


Wehe, wenn bei Notfällen die Frist verpasst wird


Bei gynäkologischen Voruntersuchungen und Behandlungen beim Augenarzt ist meistens keine vorgängige telefonische Konsultation erforderlich. Das gilt aus naheliegenden Gründen auch bei Notfällen. Doch wer notfallmässig ins Spital eingeliefert wird, muss den telemedizinischen Dienst innert einer bestimmten First informieren, bei Med Doc von Visana innert zwanzig Tagen, bei Sanacall innert fünf Tagen, sonst kann es teuer werden. Sanacall ist das Telmed-Produkt von Sanagate, einer Billigkasse der CSS. Ein Sanagate-Kunde hatte es versäumt, Medgate zu informieren, sodass er die Kosten für die Nachkontrollen nun selber bezahlen muss. Gemäss «K-Tipp» kostet ihn das über 4000 Franken. Denn im Kleingedruckten steht: «Sollte im Anschluss an die Notfallbehandlung eine Kontrollkonsultation nötig sein, muss diese nach Absprache mit Medgate erfolgen.» «Sanagate als reiner Onlineversicherer mit markttiefen Prämien sanktioniert im Grundsatz bereits den ersten Regelverstoss mit einer Leistungsverweigerung», heisst es bei der CSS auf Anfrage. «CSS-Versicherung, Arcosana und Intras verweigern hingegen die Leistung nicht ohne vorherige schriftliche Erinnerung.» Das Bundesgericht hält die strenge Praxis von Sanagate für rechtens, wie es in einem anderen Sanacall-Fall bestätigte.


In der Schweiz gibt es drei telemedizinische Zentren


Swica mit Hauptsitz Winterthur betreibt mit Sante 24 ein eigenes telemedizinisches Ärztezentrum. Die anderen Kassen sind Kooperationsvereinbarungen mit einem unabhängigen telemedizinischen Dienst eingegangen, mit Medgate oder Medi 24. Bei Medgate sind es Ärzte, die den Kunden beraten, bei Medi 24 dagegen diplomierte Pflegefachleute. «Die Qualität der beiden ist ähnlich», sagt Felix Schneuwly von Comparis. Sind Kunden unzufrieden, so sei das auf eine mangelhafte Information über das Telmed-Produkt zurückzuführen. «Viele Kunden mit einer Telmed-Grundversicherung sind sich nicht bewusst, dass sie nicht direkt zum Arzt oder in den Spitalnotfall gehen dürfen, sondern die Empfehlung des telemedizinischen Dienstes befolgen müssen.»


Erschienen in der BZ am 3. November 2015

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Claude Chatelain