Vierte Säule: Man stelle sich vor, Unfall gleich Krankheit - und umgekehrt

7 Ärztinnen und Ärzte mussten darüber urteilen und Gutachten schreiben, ob die Schulter der 55-jährigen Frau wegen des Fahrradunfalls oder als Folge einer Arthrose operiert werden musste. Eine ausführliche Version dieser Geschichte publizierten wir vor einigen Wochen auf dieser Seite.

Die akademische Übung war notwendig, weil sich Axa Winterthur vorerst weigerte, die Kosten für die Schulteroperation zu übernehmen. Nach offizieller Leseart hat Axa den Unfall «nie als ursächlich für die Operation erachtet». Es hätte dem Prinzip, alle Versicherten gleich zu behandeln, widersprochen, in diesem Fall die Operationskosten zu übernehmen. Nach inoffizieller Darstellung wollte sich Axa vor der Zahlungspflicht drücken und damit Kosten sparen.


Dem aus Paris gelenkten Konzern ist kein Vorwurf zu machen. Er will den Gewinn maximieren. Da ist jedes legale Mittel recht, Kosten zu sparen. Und so drückt man sich halt in der Hoffnung, die verunfallte Person werde vor den Umtrieben und den Kosten eines Gerichtsverfahrens zurückschrecken. Ein Vorwurf ist dagegen der Politik zu machen, die es zulässt, dass wir ein Unfallversicherungsgesetz (UVG) und ein Krankenversicherungsgesetz (KVG) mit unterschiedlichen Leistungen haben: Hervorragende Leistungen nach UVG; mässige Leistungen nach KVG.


Stellen Sie sich vor, wir verzichteten auf diese juristische Unterscheidung zwischen Unfall und Krankheit und hätten beides beim gleichen Anbieter versichert, wie das im benachbarten Ausland auch gängig ist. Hätten wir solch idyllische Zustände, wäre es der Versicherung egal, ob nun die lädierte Schulter auf den Velounfall oder auf eine Arthrose zurückzuführen ist. Zahlen muss sie so oder so. Tausende von Versicherten blieben von einem Spiessrutenlauf verschont. Und Juristen und Gerichte müssten sich plötzlich über mangelnde Arbeit beklagen. Für sie eine neue Erfahrung.


Erschienen in der BZ am 20. Oktober 2015

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Claude Chatelain