Für Bern verläuft der Pendlerstrom ungünstig

Der Kanton Bern zählt mehr Zupendler als Wegpendler. Man könnte fast sagen, er verliert damit über 20'400 Steuerzahler an andere Kantone.

In der Schweiz zahlt man die Steuern im Wohnkanton und nicht am Ort des Arbeitsplatzes. Für den Kanton Bern wäre es vorteilhafter, es wäre umgekehrt. Hans Jürg Steiner, Standortleiter KPMG Bern: «Über 12,5 Prozent der Arbeitnehmer im Kanton Bern wohnen ausserhalb des Kantons.» Gegenüber 2011 habe diese Zahl um 1,5 Prozentpunkte zugenommen, sagte er gestern bei der Präsentation des Berner Steuermonitors 2015, welcher von KPMG und dem Handels- und Industrievereins des Kantons Bern (HIV) erstellt wurde. Hingegen sei der Anteil der Erwerbstätigen, die im Kanton Bern wohnen, aber in einem anderen Kanton arbeiten, «relativ gering», meinte Steiner.


20'400 verlorene Steuerzahler


Eindrücklicher sind die absoluten Zahlen: Während 65'800 Zupendler im Kanton Bern arbeiten, pendeln 45'400 Berner in andere Kantone. «In der Nettobetrachtung verliert der Kanton Bern somit 20'400 Steuerzahler an die anderen Kantone», bedauert Steiner. Aus diesen Zahlen ergibt sich ein Pendlersaldo von 4,23 Prozent.

Zupendler und Wegpendler

Anteil der Erwerbstätigen im Kanton Bern
Wohnkanton Zupendler Wegpendler

in % in %
Solothurn 3.85 3.21
Freiburg 3.27 1.22
Aargau 1.06 0.77
Zürich 0.90 1.13
Neuenburg 0.88 0.99
Luzern 0.81 0.53
Jura 0.59 0.27
Waadt 0.59 0.34
Wallis 0.41 0.00
Basel-Land 0.27 0.24
Basel-Stadt 0.00 0.32
Total 12.63 9.02
Quelle: KPMG

 

Vier Kantone sind diesbezüglich noch schlechter aufgestellt – und dies erst noch deutlich: Genf, Zürich, Zug und Basel-Stadt verzeichnen Pendlersaldi von 10 bis 33 Prozent. Wobei diese vier Kantone in anderen Belangen deutlich besser aufgestellt sind als Bern, namentlich punkto Zahl steuerkräftiger Unternehmen. Und wenn Holdinggesellschaften in Zukunft als Folge der Unternehmenssteuerreform III auch auf Kantonsebene Steuern zahlen müssen, so werden insbesondere diese vier Kantone davon profitieren. Sie werden daher dank höherer Steuereinnahmen die Gewinnsteuern für Unternehmen senken können, was wiederum den Kanton Bern in Zugzwang bringt, die Unternehmenssteuern ebenfalls zu senken. Gerade das hat der Berner Regierungsrat mit seiner Steuerstrategie im Sinn, wie Finanzdirektorin Beatrice Simon vor drei Wochen an einer Medienkonferenz erklärte.


Doch Kernstück des gestern präsentierten Steuermonitors 2015 sind nicht die eingangs genannten Pendlerströme, sondern die Stellung Berns im innerkantonalen Wettbewerb. Nur dass die dargestellten Erkenntnisse nicht wirklich neu sind. Sie wurden letztmals bei der Präsentation der Steuerstrategie thematisiert. Danach liegt der Kanton Bern im innerkantonalen Wettbewerb auf den hintersten Rängen – und zwar bei der Einkommens-, wie auch bei der Gewinnsteuer für Unternehmen.


Schwierige Kadersuche


«Die Steuerstrategie des Regierungsrates fokussiert allein auf die juristischen Personen und ist daher ungenügend», so HIV-Direktor Adrian Haas. «Im Kanton Bern werden die Steuerpflichtigen aller Kategorien – insbesondere Kader der Wirtschaft – im interkantonalen Vergleich massiv überbelastet». Unternehmen hätten bei der Rekrutierung von Kadermitgliedern Mühe. Zudem würden die Gutsituierten ausserhalb des Kantons Wohnsitz nehmen.


Auch der KPMG-Standortleiter Hans Jürg Steiner hält wenig von der Steuerstrategie des Regierungsrats, wie er unverblümt erklärte. So entstand gestern der Eindruck, der Steuerexperte vertrete die politische Seite, jene des HIV, statt die fachlichtechnische Seite, jene von KPMG. Zudem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, KPMG habe zumindest in einem Fall die Grafik so gezeichnet, dass der Kanton Bern im innerkantonalen Vergleich besonders schlecht dasteht.


Erschienen in der BZ am 7. Oktober 2015

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Claude Chatelain