Vierte Säule: Über das Versagen der Geldpolitik

Janet Yellen hat in ihrer Zeit als Fed-Chef noch nie die Zinsen erhöht.
Janet Yellen hat in ihrer Zeit als Fed-Chef noch nie die Zinsen erhöht.

Am 17.September hat der Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank zur Überraschung vieler die Zinsen nicht angehoben. Noch heute, drei Wochen später, ist das in Finanzmarktkreisen das grosse Thema. Und die Beobachter fragen sich, was der Nullentscheid für die Finanzmärkte bedeute, ob das gut oder schlecht sei für Aktien und Obligationen.

Nun, die Frage ist falsch gestellt. Vielmehr müsste man beantworten, ob die Zinsentwicklung in den USA gut oder schlecht sei für die Wirtschaft. Um es vorwegzunehmen: Sie ist schlecht. Sie beweist, dass die Geldpolitik versagte.


Kollege Mark Dittli hat jüngst in der «Finanz+Wirtschaft» treffend beschrieben: «Janet Yellen, Mario Draghi, Haruhiko Kuroda, Mark Carney, Thomas Jordan: Was haben die Vorsitzenden der mächtigsten Notenbanken gemeinsam? Sie alle haben in ihrem Amt noch nie die Zinsen erhöht. Nie», schrieb der Chefredaktor der F+W.


Warum ist das so speziell? Weil  die genannten Notenbankchefs den Geldhahn voll aufdrehten und die Wirtschaft mit Liquidität überschwemmten, um mit allen verfügbaren Mitteln den Konjunkturmotor anzuwerfen. Doch der Motor springt nicht an. Die Wirtschaft kommt nicht auf Touren. Die Preise stagnieren. Laut gängiger Lehrmeinung müsste sich die westliche Welt bei einer solchen Geldschwemme schon längst über zweistellige Inflationsraten grämen. Stattdessen macht bereits wieder das «R-Wort» die Runde, eine drohende weltweite Rezession. Es herrscht Ratlosigkeit. «Terra incognita in der Geldpolitik», sagt Mark Dittli dazu.


Man kann zwar die Pferde zur Tränke führen, doch saufen müssen sie selber. Aber sie weigern sich, zu saufen. Die Unternehmen kaufen mit dem billigen Geld lieber Aktien, statt in Maschinen zu  investieren. Nicht die Wirtschaft boomt, sondern die Aktienbörse.


Das ist das wahre wirtschaftspolitische Problem der Gegenwart  – und nicht der Euro, nicht die billigen Rohstoffpreise, nicht China, und schon gar nicht Griechenland.

Erschienen in der BZ am 6. Oktober 2015

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Claude Chatelain