«Der amtliche Wert ist ein alter Zopf»

Alexandre Schmidt, Finanzdirektor der Stadt Bern, stört sich an Doppelspurigkeiten.
Alexandre Schmidt, Finanzdirektor der Stadt Bern, stört sich an Doppelspurigkeiten.

Wenn die kantonale Steuerverwaltung die Liegenschaften neu bewerten will, ist das mit einem grossen Aufwand verbunden. Dies stört den Stadtberner Finanzdirektor. Er plädiert für weniger Bürokratie.

Der Regierungsrat hat dem Grossen Rat den Antrag gestellt, eine allgemeine Neubewertung der amtlichen Werte vorzunehmen. Dies würde dem Kanton ab dem Steuerjahr 2020 zusätzliche Vermögenssteuern von 32 Millionen Franken bescheren. Die Gemeinden könnten insgesamt mit zusätzlichen 17 Millionen rechnen.


Der Stadtberner Finanzdirektor Alexandre Schmidt kann sich ob dieses Geldsegens nicht wirklich freuen. «Der amtliche Wert ist ein alter Zopf», sagt er.  Ihn stört vor allem, dass die Durchführung der Neubewertung mit hohen Kosten verbunden ist. Der Regierungsrat schätzt sie auf 15 Millionen Franken. «Hinzu kommen aber nochmals viele Millionen Franken Aufwand für die Gemeinden.» Denn  die Dossiernachführung und die Auskunftserteilung für die Bürger erfolgten auf der kommunalen Ebene, und das werde nicht wenig Aufwand nach sich ziehen, sagt Alexandre Schmidt. «Alles eigentlich unnötige Bürokratielasten. Entstauben wir doch unsere Verwaltung von veralteten Systemen.»


Gebäudeversicherungswert


Laut Schmidt reiche der Gebäudeversicherungswert für die Einschätzung von Gebäudewerten vollends. Für die unverbauten Grundstücke müsste ein Zonenkatalog erstellt werden, was keine Hexerei sei. Und fertig wäre das Meisterstück. «Die eingesparten Bürokratiekosten können dem Steuerzahler über tiefere Steuertarife zurückgegeben werden», so der FDP-Politiker.
«Eine alte Diskussion», sagt Donatus Hürzeler von BDO Schweiz. Immer wenn die amtlichen Werte nach oben korrigiert worden seien, habe es Stimmen gegeben, die für die Abschaffung dieser Werte plädiert und sich stattdessen für den Gebäudeversicherungswert starkgemacht hätten, erinnert sich der frühere Steuerverwalter des Kantons Bern.


«Keine gute Idee»


Ueli Winzenried findet den Vorschlag des Stadtberner Finanzdirektors keine gute Idee. «Der amtliche Wert und der Gebäudeversicherungswert basieren auf völlig verschiedenen Berechnungsgrundlagen», sagt der Chef der Gebäudeversicherung des Kantons Bern. Der Gebäudeversicherungswert entspreche dem Wiederaufbauwert in Bezug auf Grösse, Zweckbestimmung und Ausstattung einer Liegenschaft. Der amtliche Wert sei dagegen ein wirtschaftlicher Wert, der sich am Verkehrswert orientiere, bei dem  Standort, Bodenpreis  und Vermietbarkeit  einer  Liegenschaft auch eine Rolle spiele.  


Doch Alexandre Schmidt geht es nicht um Steuerersparnisse, sondern eben um  Ineffizienz und Doppelspurigkeit. So könnte er sich auch vorstellen, dass sich die kantonale Steuerverwaltung zur Ermittlung des amtlichen Werts der Daten von privaten Schätzungsfirmen bedient, wie zum Beispiel von Wüest und Partner.  «Die Firma geniesst eine hohe Anerkennung», meint Schmidt.  Man müsste doch all die Vorteile,  die etwa Google Map oder das Internet generell böten, nutzbar machen.


«Nicht praktikabel»


SVP-Grossrat Peter Brand, beruflich als Notar tätig, hält den Vorschlag von Alexandre Schmidt nicht für praktikabel. «Die Neubewertung von Liegenschaften muss genau sein. Da kann man sich nicht auf pauschale Schätzungen eines Zürcher Unternehmens abstützen», sagt Brand. Als Präsident des Hauseigentümerverbands Kanton Bern stört ihn etwas ganz anderes, nämlich der «mangelnde Respekt der rot-grünen Regierung gegenüber seinem Parlament», habe doch der Grosse Rat in der Novembersession 2013 den Regierungsrat mit einer deutlichen Mehrheit von 81 zu 65 Stimmen damit beauftragt, auf die nun angekündigte Neubewertung der Grundstücke zu verzichten.  


Erschienen in der BZ am 22. September 2015

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Claude Chatelain