Vierte Säule: Kleinerer Koordinationsabzug gleich höherer Lohn

Kürzlich plädierte ich in dieser Spalte für die Abschaffung des Koordinationsabzugs. Das ist jene unsägliche Konstruktion in der 2. Säule, mit welcher die AHV-Rente mit der BVG-Rente koordiniert werden soll. Oder mathematisch ausgedrückt: Bruttolohn minus Koordinationsabzug ergibt den versicherten Lohn der Pensionskasse. Auf diesem Lohn werden die Beiträge berechnet.

Als Reaktion auf meinen Beitrag schrieb mir ein  Stiftungsrat, dass sie  den Koordinationsabzug für kleinere Einkommen reduzieren wollten. Bei den Betroffenen sei das aber nicht auf Gegenliebe gestossen. Sie bräuchten das Geld jetzt, nicht erst im Alter, sagten sie.


Ich fürchte, die Mehrheit dieser Betroffenen haben etwas nicht richtig erfasst. Sie haben wohl nicht realisiert, dass eine Kürzung des Koordinationsabzugs einer Lohnerhöhung gleichkommt. Denn je tiefer der Koordinationsabzug, desto höher ist der versicherte Lohn und desto höher sind demnach die Arbeitgeberbeiträge.


Die Arbeitgeberbeiträge könnte man durchaus als Lohnbestandteil betrachten, nur dass der Lohn nicht heute, sondern erst später in Form eines höheren Freizügigkeitskapitals oder in Form einer höheren Rente ausbezahlt wird. Der Mensch ist nicht dazu geboren, freiwillig auf eine Lohnerhöhung zu verzichten.


Klar: Nicht nur die Arbeitgeberbeiträge, sondern auch die Arbeitnehmerbeiträge würden bei einem reduzierten Koordinationsabzug höher ausfallen. Und damit würde der ausbezahlte Nettolohn sinken, was eben bei den betroffenen Versicherten nicht auf Anklang stiess.


In der Tat erliegen Versicherte nicht selten der Versuchung, allein auf den Betrag zu schauen, der ihnen Monat für Monat aufs Konto überwiesen wird. Diese einseitige Betrachtung erfolgt nach meiner Einschätzung nur deshalb, weil sich viele Betroffene des Geschenks der höheren Arbeitgeberbeiträge nicht bewusst sind. Was wiederum für mein Anliegen spricht, die 2. Säule zu vereinfachen und für alle verständlich zu machen.

Erschienen in der BZ am 8. September 2015

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Claude Chatelain