Sollen die Fesseln von Postfinance gelockert werden?

Wenn Postfinance mit gleichen Ellen gemessen wird wie die Grossbanken, stellt sich die Frage, weshalb sie keine Kredite vergeben darf.

Was man schon längst wusste, ist seit Dienstag offiziell: Postfinance ist systemrelevant. Würde der Zahlungsverkehr kollabieren, kollabierte die ganze Volkswirtschaft (Ausgabe von gestern). Laut dem emeritierten Zürcher Bankenprofessor Hans Geiger sollte Postfinance jetzt das Recht zur Gewährung von Krediten gegeben werden. Dann wäre sie «fast eine normale Bank». Dies sagte er gestern dem «Tages-Anzeiger». Sein Ansinnen ist durchaus im Interesse von Postfinance. «Es ist ein Nachteil für uns, dass wir keine Kredite und Hypotheken vergeben dürfen», sagt Postfinance-Chef Hansruedi Köng.


Postfinance im Nachteil

Postfinance führt zwar sehr wohl Hypothekarkredite im Sortiment, freilich wirkt sie in diesem Bereich bloss als Vermittler. Sie führt keine Kredite in den Büchern, geht damit keinerlei Risiken ein und verdient bloss an der Verkaufsmarge. Diese Marge ist tiefer, als wenn Postfinance selber Hypotheken anbieten könnte. Auf der anderen Seite der Bilanz, auf der Passivseite, türmen sich Kundengelder von 113 Milliarden Franken. Statt mit diesem Geld Kredite vergeben zu können, muss Postfinance das viele Geld im In- und Ausland in Wertschriften anlegen, wo die Renditen nahe bei oder teilweise gar unter null liegen. «Im Kredit- und im Hypothekargeschäft lassen sich deutlich höhere Margen erzielen», bestätigt Hansruedi Köng.


Explizite Staatsgarantie


Die Bankenlobby wird es zu verhindern wissen, dass ein neuer Player im Kreditgeschäft den Wettbewerb verschärft. «Postfinance hat nicht nur eine implizite, sondern eine explizite Staatsgarantie», sagt der Zürcher SVP-Nationalrat Thomas Matter, Gründer und Präsident der Neuen Helvetischen Bank in Zürich. Es gehe nicht an, dass die im Staatsbesitz befindliche Bank Kredite vergeben könne, wie das auch andere privatrechtliche Banken täten. Wenn schon, dann müsste Postfinance privatisiert werden, damit man mit gleich langen Spiessen im Wettbewerb bestehen könne. Doch für Thomas Matter hat eine Privatisierung von Postfinance keine Priorität. Mit dem Status quo könne er gut leben. Das dürfte auch die Meinung der Banken insgesamt sein. Lieber eine Postfinance mit Fesseln als einen neuen Konkurrenten, der im Schutze des Staates zur jetzigen Grösse mit einer unverkennbaren Marke heranwachsen konnte.


Erschienen in der BZ am 3. September 2015

ANZEIGE

Claude Chatelain