Kommentar: Postfinance im Topf der Grossbanken

Neben den beiden Grossbanken, der Zürcher Kantonalbank und der Raiffeisen-Gruppe gilt nun auch Postfinance als systemrelevant. Das verfügte die Schweizerische Nationalbank gestern. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Postfinance  hat im Einlagengeschäft schweizweit einen Marktanteil  von 11 Prozent. Im Bild der Hauptsitz an der Mingerstrasse  in Bern.
Postfinance hat im Einlagengeschäft schweizweit einen Marktanteil von 11 Prozent. Im Bild der Hauptsitz an der Mingerstrasse in Bern.

1. Warum gilt Postfinance als too big to fail?

Der Zahlungsverkehr und das Einlagengeschäft von Postfinance sind derart bedeutend, dass ein Ausfall einer dieser Bereiche die gesamte Schweiz in eine grosse wirtschaftliche Krise stürzen würde.


2. Was bedeutet das für Postfinance?

Wie die andern systemrelevanten Finanzinstitute muss Postfinance strengere Anforderungen punkto Eigenkapital, Liquidität und Risikomanagement erfüllen. Nach Gesetz ist zudem ein Notfallkonzept zu erarbeiten, damit bei drohendem Kollaps der systemrelevante Bereich weitergeführt werden kann.


3. Was bedeutet das für den Postfinance-Kunden?
Offiziell noch nichts. Doch strengere Auflagen sind immer auch mit höheren Kosten verbunden. Angesichts der absehbaren Massnahmen dürften die neuen Auflagen nicht ins Gewicht fallen. Falls Postfinance die Gebühren erhöhen muss, dann eher wegen anderer Gründe, etwa der anhaltend tiefen Zinsen.


4. Hat Postfinance neben den systemrelevanten Bereichen überhaupt Geschäftsfelder, die bei einem Kollaps die systemrelevanten Bereiche gefährden könnten?

Als nicht systemrelevant gilt bei Postfinance lediglich das Anlagegeschäft.


5. Gilt das Kreditgeschäft von Postfinance auch als systemrelevant?

Postfinance darf aus gesetzlichen Gründen keine Hypothekar- oder KMU-Kredite vergeben, was ein grosser Nachteil ist. Das heisst, Postfinance hat keine ausstehende Kredite in den Büchern. Im Hypothekar- und Kreditgeschäft agiert die Posttochter nur als Vermittlerin.


6. Wie gross ist der Marktanteil der systemrelevanten Bereiche?

Im Einlagegeschäft hat Postfinance laut der Schweizerischen Nationalbank (SNB) schweizweit einen Marktanteil von 11 Prozent. Was über 10 Prozent liegt, gilt als systemrelevant. Im Zahlungsverkehr dürfte der Marktanteil bei rund 50 Prozent liegen. Dass ein Ausfall dieses Geschäfts die gesamte Wirtschaft lahmlegen würde, weiss man freilich nicht erst seit gestern.


7. Wie verhält es sich mit der Kapitalausstattung?

Gemessen an den Eigenmittelkennziffern, erfüllt Postfinance die Vorschriften von Too big to fail schon heute. Das Eigenkapital beträgt 20 Prozent der risikogewichteten Aktiven, beziehungsweise 4,4 Prozent der Bilanzsumme.


8. Wie könnte ein Notfallplan aussehen, der sicherstellt, dass das systemrelevante Segment bei einem drohenden Kollaps weitergeführt werden kann?
Es liegt an Postfinance und der Finanzmarktaufsicht (Finma), die Vorgaben umzusetzen. Die Finma legt für jedes systemrelevante Finanzinstitut die Kriterien individuell fest. Die Antwort, wie weit ein Notfallplan bei Postfinance sinnvoll ist, kann nur die Zukunft liefern. Im Unterschied zu den Grossbanken hat Postfinance kein Investmentbanking, kein Auslandsgeschäft und führt auch sonst keine wirklich riskante Aktivitäten, deren Rettung die systemrelevanten Bereiche in Mitleidenschaft ziehen könnten.


9. Warum kommt die Nationalbank erst jetzt zum Schluss, dass Postfinance systemrelevant ist?
Too big to fail wurde zuerst wegen der Grossbanken erlassen. Dann erklärte die SNB auch die Zürcher Kantonalbank (ZKB) und vor gut einem Jahr noch die Raiffeisengruppe als systemrelevant. Bei Postfinance eröffnete die SNB das Verfahren zur Feststellung der Systemrelevanz vor rund einem Jahr. Sie führte Anhörungen durch. Postfinance ist erst seit Mitte 2013 eine Aktiengesellschaft. Vorher war sie eine Abteilung der Post.


10. Gibt es politische Gründe, dass Postfinance als systemrelevant eingestuft wurde?
Von offizieller Seite wird das bestritten. Bekannt ist aber, dass die Banken keine Freude am staatlichen Konkurrenten Postfinance bekunden. So ist nicht auszuschliessen, dass Postfinance aus wettbewerbspolitischen Gründen mit Auflagen eingedeckt wird, damit die Player mit gleich langen Spiessen agieren können. Die Grossbankenregulierung hatte zum Ziel, den Steuerzahler vor dem Kollaps einer systemrelevanten Bank zu schützen. Doch Postfinance gehört dem Staat und somit dem Steuerzahler. Zudem hat die Posttochter einen gesetzlichen Grundversorgungsauftrag. All das wird bei der Umsetzung der Auflagen zu berücksichtigen sein. 


Erschienen in der BZ am 2. September 2015

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Claude Chatelain