«Gesucht sind gut ausgebildete Handwerker»

Marc Gilgen, Leiter des RAV im Kanton Bern.
Marc Gilgen, Leiter des RAV im Kanton Bern.

Dank dem Fachkräftemangel bekunden auch ältere Arbeitslose weniger Probleme, wieder angestellt zu werden, bestätigt Marc Gilgen, der Leiter des RAV im Kanton Bern. Doch sie müssen gut qualifiziert sein.

Herr Gilgen, wie weit schlägt sich der Fachkräftemangel bei Ihnen auf dem RAV nieder?

Marc Gilgen: Wir spüren den Druck der Arbeitgebenden, Fachkräfte zu finden. So gesehen haben auch über 50-jährige, gut qualifizierte Fachleute eine Chance, kurzfristig einen Job zu finden.

 

Über was für Fachkräfte sprechen wir hier?

Gesucht sind zum Beispiel gut ausgebildete Handwerker und Techniker, Ingenieure, aber auch Mitarbeitende im Gesundheitswesen oder in der Gastronomie.

 

Arbeitgeber sind angehalten, Inländern den Vorzug zu geben. Merken Sie auch das?

Wir stehen in Kontakt mit Arbeitgebenden, die uns offene Stellen melden. So gesehen kann ich nicht beurteilen, wie weit sie eine inländische Arbeitskraft einer ausländischen vorziehen.

 

Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm sagte, der Fachkräftemangel diene oft als Vorwand dafür, jüngere, billigere Fachpersonen aus dem Ausland anzustellen.

Die Aussage kann ich so nicht bestätigen, was aber nicht heissen will, dass das im einen oder anderen Fall nicht zutrifft. Sicher ist, dass wir auf dem Arbeitsmarkt eine Konkurrenzsituation haben. Entscheidend ist, ob das Profil eines Arbeitssuchenden mit dem Stellenprofil übereinstimmt.

 

Wenn der 50-jährige Schweizer und der 35-jährige Deutsche das gleiche Profil aufweisen, ausser dass der Deutsche billiger ist, so macht Letzterer das Rennen.

Das kann sein. Aber das Gehalt ist nicht immer ausschlaggebend. Wir wissen in den meisten Fällen nicht, weshalb eine Arbeit suchende Person eine bestimmte Stelle nicht erhalten hat. Der Arbeitgeber sagt uns nicht, er habe einem günstigeren Deutschen den Vorzug gegeben.

Nach Gesetz ist eine arbeitslose Person verpflichtet, einen bis zu zweistündigen Arbeitsweg, je für den Hin- und den Rückweg, in Kauf zu nehmen.
Nach Gesetz ist eine arbeitslose Person verpflichtet, einen bis zu zweistündigen Arbeitsweg, je für den Hin- und den Rückweg, in Kauf zu nehmen.

Sind ältere Arbeitssuchende auch bereit, eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen, um gegenüber jüngeren Leuten konkurrenzfähig zu bleiben?

Nach Gesetz sind sie sogar dazu verpflichtet. Insgesamt stellen wir eine zunehmende Bereitschaft fest, eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen. Vor allem in Fällen, in welchen die Kinder nicht mehr unterstützungspflichtig sind. Andernfalls dauert es unter Umständen etwas länger, bis man wieder Arbeit findet. Wir stellen generell eine grössere Flexibilität fest, auch bei der Mobilität.

 

Mobilität?

Mobilität ist bei Stellensuchenden immer ein Thema. Nach Gesetz ist eine arbeitslose Person verpflichtet, einen bis zu zweistündigen Arbeitsweg, je für den Hin- und den Rückweg, in Kauf zu nehmen.

 

Zwei Stunden? Da kommt ja ausser dem Tessin und dem Engadin fast alles infrage…

Nicht ganz. Nach St. Gallen dauert die Fahrt auch über zwei Stunden. Aber tendenziell sind Arbeitssuchende heute mobiler, wobei sich erfahrungsgemäss ältere Kunden mit einem engen sozialen Netz eher schwertun, einen Arbeitsplatz in einer zweistündigen Entfernung zu akzeptieren. Man muss auch sagen, dass tägliche Arbeitswege bis zwei Stunden eher selten sind. Meistens gibt es mehrere Leute, die sich für eine Stelle bewerben. Da wird der Arbeitgeber nicht unbedingt jene Person wählen, die einen sehr langen Arbeitsweg in Kauf zu nehmen hat.

 

Welche Erfahrungen machen Sie mit Leuten, die nach dem 61. Altersjahr entlassen werden? Sie könnten bis 65 stempeln und die Sache geruhsam angehen.

Richtig, wer nach 60 entlassen wird, hat Anrecht auf mehr Bezugstage. Gleichzeitig haben sie auch Pflichten. Sie müssen sich ebenfalls auf Stellensuche begeben, wobei wir wissen, dass ihre Möglichkeiten unter Umständen eingeschränkt sind. Dem tragen wir Rechnung bei der Anzahl von Arbeitsbemühungen. Spezialisten, die etwa wegen einer Restrukturierung den Job verlieren, haben auch im höheren Alter durchaus Chancen, vermittelt zu werden. Erst kürzlich haben wir einen 63-jährigen Projektingenieur vermitteln können.

 

Wer hat Mühe, eine Stelle zu finden, und muss allenfalls ausgesteuert werden?

Vor allem ältere Mitarbeitende mit einer ungenügendenuert werden?

Qualifikation, bildungsferne Personen oder auch Menschen mit mangelnden Kenntnissen der Zweitsprache. Die Sprache ist ein Schlüssel zum Arbeitsmarkt. Wir betreuen etliche Ausländerinnen und Ausländer, die bei uns leben, am Arbeitsmarkt partizipieren möchten, aber einfach zu wenig gut Deutsch sprechen.

Von Zuweisungen hält Marc Gilgen nichts.
Von Zuweisungen hält Marc Gilgen nichts.

Im Unterschied zu anderen Kantonen macht Bern seit 2013 keine amtlichen Zuweisungen mehr, wo Stellensuchende verpflichtet werden, sich für bestimmte Jobs zu bewerben.

Zuweisungen auf offene Stellen waren oft nicht zielführend. Einen Arbeitssuchenden für eine Stelle zu verpflichten, die er gar nicht will, bringt ihm nichts und bringt auch dem Arbeitgeber nichts, weil er sonst unter Umständen eine demotivierte und unterqualifizierte Arbeitskraft einstellen wird.

 

In anderen Kantonen scheint es zu funktionieren.

Das bezweifle ich. Wir haben ein positives Menschenbild in der Beratung. Wir gehen davon aus, dass unsere Kundinnen und Kunden motiviert sind, eigenverantwortlich eine Stelle zu suchen, und arbeiten wollen. Zudem muss man wissen, dass Arbeitslose generell einen schwierigeren Stand haben. Es gibt nach wie vor eine gewisse Stigmatisierung.

 

Ihr Menschenbild gilt wohl für die Mehrheit, kaum aber für alle. Was machen Sie mit Demotivierten?

Kunden des RAV haben Rechte und Pflichten. Eine der Pflichten besteht darin, sich aktiv um Arbeit zu bemühen. Wenn wir feststellen, dass eine Person ihren Pflichten nicht nachkommt, muss sie mit Sanktionen rechnen.

 

Dann wird das Taggeld gestrichen.

Nicht gerade gestrichen. Je nach Verschulden sieht das Gesetz als Sanktionsmassnahme sogenannte Einstelltage vor. Das heisst, dass für eine bestimmte Anzahl von Tagen kein Taggeld ausbezahlt wird.

 

Womit wir bei der Zumutbarkeit wären. Kann man einem entlassenen Büroangestellten zumuten, zum Beispiel im Service Geld zu verdienen?

Eine versicherte Person muss jede ihr zumutbare Arbeit annehmen, wenn nötig auch ausserhalb ihres erlernten Berufs. Zu Beginn der Arbeitslosigkeit darf sie sich jedoch in ihrem bisherigen Berufszweig oder Tätigkeitsbereich umsehen. Dies unter der Voraussetzung, dass genügend Stellenangebote vorhanden sind. Danach muss sie ihre Arbeitssuche auch auf ausserberufliche Tätigkeiten ausdehnen. Dabei gilt zu berücksichtigen, dass die Arbeit eine Person bezüglich ihrer Fähigkeiten unterfordern, jedoch nicht überfordern darf. 


Das RAV

Die 14 Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) unterstützen mit 160 Personalberatenden aktuell knapp 17 800 Personen bei der Stellensuche. Organisatorisch ist das RAV Teil

des Geschäftsbereichs Arbeitsvermittlung im Beco Berner Wirtschaft der Volkswirtschafts-direktion.


Erschienen in der BZ am 19. August 2015


Claude Chatelain