Vierte Säule: Über den (unsäglichen) Koordinationsabzug

Sozialminister Alain Berset möchten den Koordinationsabzug abschaffen.
Sozialminister Alain Berset möchten den Koordinationsabzug abschaffen.

Schon vom Koordinationsabzug gehört? Wenn Sie nicht in der Welt der Pensionskassen tätig sind oder wenn Sie nicht die 2. Säule als Ihr Hobby betrachten, so dürften Sie kaum in der Lage sein, sich auf diese Wortschöpfung einen Reim zu machen.

Nun, der vom Bundesrat festgelegte Koordinationsabzug beträgt derzeit 24 675 Franken. Dieser Betrag wird vom Bruttojahreslohn in Abzug gebracht. Das Resultat dieser Substraktion ist der versicherte Lohn, auch koordinierter Lohn genannt. Der versicherte Lohn ist von grosser Bedeutung, weil auf diesem Betrag die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge berechnet werden. Je höher der versicherte Lohn, desto höher wird später die Rente ausfallen. Arbeitnehmer müssten also an einem möglichst tiefen Koordinationsabzug interessiert sein.


Weshalb überhaupt dieser Abzug vom Bruttolohn? Der Koordinationsabzug soll dazu dienen, die 1. und die 2. Säule zu koordinieren. Deshalb auch diese unsägliche Wortschöpfung. Dank dieser Koordination sollte das Renteneinkommen aus der 1. und der 2. Säule 60 Prozent des zuletzt verdienten Bruttolohns entsprechen. Dies, um «die bisherige Lebenshaltung in angemessener Weise» fortzuführen, wie es sogar in der Bundesverfassung steht.


Die Schöpfer des Dreisäulenkonzepts tun so, als wäre die Vorsorge eine exakte Wissenschaft. Doch wer kann schon mit 60 Prozent des letzten Lohns den Lebensstandard halten? Bei Teilzeitangestellten, Doppelverdienern und Frühpensionierten geht diese Rechnung eh nicht auf. Gerade Teilzeitangestellte werden mit diesem Abzug überproportional betraft. Deshalb finde ich es löblich, dass Sozialminister Alain Berset mit seiner Altersvorsorge 2020 den Koordinationsabzug abschaffen möchte. Es wäre ein Beitrag zum besseren Verständnis der 2. Säule. Die vorberatende Kommission des Ständerats will von dieser Vereinfachung jedoch nichts wissen, wie sie gestern an einer Medienkonferenz erörterte. Mich erstaunt das nicht. Die Parlamentarier sind nicht dadurch aufgefallen, sich für verständliche Gesetze starkzumachen. Eher das Gegenteil ist der Fall.


Erschienen in der BZ am 18. August 2015

Claude Chatelain