Der Franken ist nicht mehr so hart

Der Schweizer Franken hat sich im Vergleich zum Euro abgeschwächt und erreichte den tiefsten Stand seit der Aufhebung des Mindestkurses im Januar. Dennoch rechnet der Wirtschaftsminister mit mehr Arbeitslosen, aber nicht mit einer grossen Entlassungswelle.

Wenn der Franken stärker wird, schreien Wirtschaftslobbyisten Zetermordio. Wenn er sich wieder abschwächt, bleibt es verhältnismässig ruhig. So geschehen letzte Woche: Am Montag stieg der Euro auf über 1,08 Franken; am Dienstag durchbrach er die Schwelle von 1,09, und am Mittwoch überschritt er die Marke von 1,095 Franken. Es ist der höchste Wert seit dem 15. Januar 2015, als die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Euromindestkurs aufgehoben hatte und für eine Katerstimmung sorgte.


Die Analysten hatten für diese überraschende Wende sofort eine Erklärung parat: Griechenland. Mit dem 86 Milliarden Dollar schweren Hilfspaket scheint Griechenland fürs Erste gerettet zu sein. Damit steigt das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung. Hinzu kommt, dass Ökonomen im zweiten Halbjahr in der Eurozone eine konjunkturelle Erholung erwarten, was dem Euro ebenfalls Auftrieb gibt.


«Zielmarke von 1,15»


Nach einer Umfrage von «Cash» bei Devisenexperten könnte sich der Franken noch weiter abschwächen oder jedenfalls nicht wieder stärker werden. Optimistischer für einen noch schwächeren Franken ist die liechtensteinische VP-Bank. «Im kommenden Jahr sollte die Zielmarke von 1,15 ins Visier genommen werden», sagt Investmentstrategist Bernhard Allgäuer von der liechtensteinischen VP-Bank. Es gebe aus ökonomischer Sicht kaum Argumente für eine erneute Aufwertungswelle des Frankens. Und die Luzerner Kantonalbank hält gemäss «Cash» kurzfristige Vorstösse in die Regionen von 1,12 bis 1,13 für möglich. Ein Überschiessen in einer Bewegung sei man sich beim Franken gewohnt.


Andere sind weniger optimistisch: Ursina Kubli von der Bank J. Safra Sarasin sieht den Euro-Franken-Kurs am Jahresende bei 1,10 und laut Jürg Nessier, Leiter Devisenkauf bei der Zürcher Kantonalbank, ist die Decke bereits erreicht. «Auf Dauer kann ich mir einen Euro-Franken-Kurs von 1,10 nicht vorstellen», erklärt Nessier gegenüber «Cash». Er geht mittelfristig von einer Seitwärtsbewegung des Euro-Franken-Kurses aus.


Genau das schätzt auch die UBS. Ihre Dreimonatsprognose liegt bei 1,08. Doch nicht nur gegenüber der Einheitswährung neigt der Franken zur Schwäche; auch gegenüber anderen Währungen. Gegenüber dem Dollar und dem Pfund hat sich der Franken in den zurückliegenden vier Wochen um rund 4 Prozent abgewertet. Das dürfte mit den zahlreichen negativen Meldungen über die Verfassung der schweizerischen Exportwirtschaft und dem drohenden Stellenabbau zusammenhängen.


«Wird Entlassungen geben»


Erst gestern bezeichnete Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann die Lage als «ernst». In einem Interview mit «Schweiz am Sonntag» sagte er: «In den nächsten Monaten wird es in einigen Branchen Entlassungen geben.» Es sei nicht zu erwarten, dass die Schweiz das tiefe Niveau bei der Arbeitslosigkeit ohne Abstriche werde halten können. Zur Entlastung exportorientierter KMU stellt der FDP-Bundesrat weitere Fördergelder in Aussicht.


Bereits im Juni hatte Schneider-Ammann die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) beauftragt, Unternehmen bei KTI-Gesuchen den Barbeitrag zu erlassen. «Nun planen wir, die KTI-Fördergelder aufzustocken.»


Erschienen in der BZ am 17. August 2015

Claude Chatelain