Vierte Säule: Weshalb das Barotrauma kein Unfall sein soll

Schon mal von einem Barotrauma gehört? Das ist eine druckbedingte Verletzung des Trommelfells. Ein Arbeitskollege hat sich diese Verletzung im Hallenbad beim Abtauchen ins Sprungbecken zugezogen.

Naja, er ist ordentlich jünger als ich und macht noch solche Sachen. In drei Metern Tiefe verspürte er einen stechenden Schmerz, der beim Auftauchen nicht abklang. Der pochende Schmerz blieb bestehen. Die ganze Nacht sei von einem fiebrigen Schmerz überschattet gewesen. Das Hörvermögen blieb wochenlang eingeschränkt.


«Statt dies als kleinen Unfall unbürokratisch zu erledigen, wurde ich von meiner Unfallversicherung mit widersprüchlicher Post beglückt», so der Kollege. Und weiter: «Soweit ich das mit meinem offenbar durchschnittlichen Auffassungsvermögen erfassen konnte, ist meine erlittene Verletzung nach Unfallverordnung eine unfallähnliche Körperschädigung. Explizit wird in der Verordnung das Trommelfell erwähnt.» Der Unfallversicherer tat, was die meisten Unfallversicherer in vergleichbaren Fällen tun: Er lehnte die Kostenübernahme ab. In der Verfügung schrieb der Versicherer, gemäss Verordnung gelte als Unfall eine «plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper». Zähneknirschend – immerhin nicht ohrenbetäubend – musste der Kollege zur Kenntnis nehmen, dass die druckbedingte Schädigung des Trommelfells nicht ungewöhnlich ist, ein gewöhnlicher Misstritt beim Fussballspiel hingegen schon. Was lehrt uns diese Geschichte? Sie sagt uns, dass

  • Juristen und nicht Mediziner bestimmen, was ein Unfall ist;
  • der gesetzliche Unfallbegriff in keiner Weise der landläufigen Auffassung entspricht;
  • die Unterscheidung zwischen Unfall und Krankheit wiederholt für Verwirrung sorgt;
  • die Schweiz viel Umtriebe und damit Geld sparen könnte, wenn die Leistungen bei Krankheit und Unfall identisch wären;
  • kein, aber wirklich kein Parlamentarier oder Interessenvertreter Anstrengungen unternimmt, diesem Problem zu Leibe zu rücken.


Erschienen in der BZ am 11. August 2015

Claude Chatelain