Vorsicht mit chinesischen Aktien

Obschon chinesische Aktien heute viel günstiger sind als noch vor zwei Monaten, raten Berner Banker von einem Engagement mehrheitlich ab. Zu risikoreich sei es, in einen unterentwickelten Finanzmarkt zu investieren.

Seit Mitte Juni hat der chinesische Aktienmarkt fast 30 Prozent an Wert verloren. Nach dem Motto «Kaufe in der Baisse» sollte man dort jetzt wohl zuschlagen. Umso mehr, da in ein diversifiziertes Portefeuille wohl auch Aktien der weltweit zweitgrössten Volkswirtschaft gehören. Oder vielleicht doch noch abwarten? «Wir sind vorsichtig mit Empfehlungen für Investitionen in China, welche rein spekulativer Natur sind», meint Pascal Alder von der AEK Bank in Thun. Man dürfe nicht vergessen, dass der chinesische Aktienmarkt vor der Korrektur von 30 Prozent um über 100 Prozent zugelegt habe.

 

«Gegen unten ausbrechen»

 

Das deckt sich mit der Aussage von Martin Neff, dem Chefökonomen der Raiffeisen-Gruppe. Er sprach im Interview mit dieser Zeitung (Ausgabe vom letzten Dienstag) von einer «Korrektur von Exzessen». Der Markt werde eher gegen unten ausbrechen als gegen oben. Martin Neff hat mit seiner vor über einer Woche geäusserten Einschätzung bereits recht bekommen: Am Montag letzter Woche, also nach der Aussage von Neff, stürzte Chinas Börse um 8,5 Prozent in die Tiefe. Es war der grösste Tagesverlust seit der globalen Finanzkrise. Doch wer vor einem Jahr Anteile eines chinesischen Aktienfonds kaufte, liegt heute trotz der heftigen Korrektur immer noch im Plus (Tabelle).


Ausgewählte China-Fonds

Valor Name Währung Rendite Rendite



3 Jahre 1 Jahr
3913452 Fidelity Funds - China Focus USD 50.09 22.90
4234505 Black Rock Global Funds - China USD 51.47 20.75
2844057 Vontobel Fund China Stars  USD 40.66 16.35
22716919 JB China Evolution USD
15.28
512613 UBS Equity Fund China USD 74.87 13.68
1256582 JP Morgan Funds China USD 35.28 10.24
3748864 Lyxor-ETF China Enterprise USD 23.56 8.87
12966165 Pictet China Index EUR 31.22 8.65
1963428 Ishare China Large Cap USD 24.94 7.60
3067374 db x-trackers FTSE China  USD 24.22 7.34
Quelle: www.cash.ch/Morningstar



 

Die chinesische Volkswirtschaft ist zwar die zweitgrösste der Welt, doch was den Aktienmarkt betrifft, so ist dieser noch nicht in der globalisierten Welt angekommen. Die NZZ spricht gar von einem «unterentwickelten Finanzmarkt». Es gibt verschiedene Aktienkategorien: A-Aktien, B-Aktien und die in Hongkong gehandelten H-Aktien. Die A-Aktien sind im wesentlichen für Festlandchinesen gedacht und für ausländische Investoren nur über Umwege und beschränkt erhältlich. Es waren vor allem diese A-Aktien, die in den zurückliegenden Wochen die grössten Verluste erlitten. Das zeigt sich eindrücklich beim Vergleich zwischen dem Hongkonger Hang Seng Index (H-Aktien) und dem Shanghai Composite Index (A-Aktien). «Der Shanghai Composite ist bis Mitte Juni innerhalb eines Jahres um über 130 Prozent angestiegen, während der Hang Seng Index knapp 20 Prozent anstieg», bemerkt Renato Flückiger, Leiter Investment bei der Valiant-Bank in Bern (siehe Grafik). Entsprechend stark sei in den zurückliegenden Monaten die Korrektur bei den A-Aktien gewesen.

 

«Hohe Risikobereitschaft»

 

«Ein Engagement in chinesische Aktien erfordert eine hohe Risikobereitschaft», warnt Bruno Tanner von der SLM Münsingen. Zudem muss man wissen, dass die chinesische Regierung den Markt der A-Aktien künstlich aufgeblasen hatte, indem sie das kreditfinanzierte Aktienanlegen förderte. Als die Blase platzte, reagierte die Regierung mit Stützungskäufen und Verkaufsverboten. «Dies spricht eigentlich gegen das Ziel, die Märkte weiter zu liberalisieren», sagt Renato Flückiger. «Aufgrund der staatlichen Eingriffe sehen wir weiterhin davon ab, in chinesische A-Aktien zu investieren. Wir bevorzugen H-Aktien, welche durch ökonomische Faktoren getrieben werden.»



Wenn schon China, welcher Aktienfonds ist zu empfehlen?

 «Unserer Meinung nach erfolgt die Abdeckung des chinesischen Aktienmarktes am besten über kostengünstige Exchange Traded Funds (ETF)», meint Pascal Müller von der Spar- und Leihkasse Frutigen. Einem Anleger, der den chinesischen Markt im Speziellen gewichten möchte, empfiehlt Müller den Ishares ETF China Large Cap.

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Die AEK Bank in Thun setzt dagegen bei den ETF auf den Lyxor ETF China Enterprise. Der Fonds investiert mehrheitlich in das Finanzwesen, die Energie und die Telekommunikation. Also eher in die Bereiche des «alten» chinesischen Wachstumsmodells. Wer einen aktiv gemanagten Fonds wünscht, ist laut Pascal Alder von der AEK Bank mit dem Julius Bär China Evolution Fund gut beraten. Der Fonds investiert vornehmlich in schnell wachsende Branchen und

in Unternehmen mit hohem Gewinnwachstum und attraktiven Bewertungen. «Die Portfoliomanagerin Jian Shi Cortesi aus Bellinzona ist eine Chinesin, welche den chinesischen Markt sehr gut kennt und auch Zugang zu den bedeutenden Unternehmen hat», erklärt Pascal Alder.


Postfinance, welche in ihrem Sortiment Aktienfonds diverser Fondsgesellschaften anbietet, führt keinen Chinafonds im Angebot – und zwar «aufgrund der geringen Nachfrage unserer Retailkunden», erklärt Sprecher Johannes Möri. Im Angebot befindet sich dafür der erprobte Templeton Asian Growth Fund mit einem Anteil chinesischer Aktien von 25 Prozent.


Erschienen in der BZ am 4. August 2015


Claude Chatelain