Gute Erfahrung mit Arbeitsversuch

Christine Begert im Restaurant Noa in Bern. Die Arbeitsversuche der IV sind für sie ein Win-win-Unterfangen.
Christine Begert im Restaurant Noa in Bern. Die Arbeitsversuche der IV sind für sie ein Win-win-Unterfangen.

Das Restaurant Noa an der Murtenstrasse in Bern hat Anfang Jahr mit vier Personen einen Arbeitsversuch der IV gestartet. Zwei davon haben unterdessen einen Arbeitsvertrag.

Eingliederung vor Rente. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hat die IV unterschiedliche Instrumente zur Hand. Eines davon ist der Arbeitsversuch. Seit Anfang 2012 kann die IV solche sechsmonatigen Versuche starten. Sie bezahlt die Angestellten; und der Arbeitgeber testet sie. Dies natürlich mit dem Ziel, dass der Arbeitskraft spätestens nach der sechsmonatigen Versuchsphase ein Arbeitsvertrag angeboten wird (Ausgabe von gestern).


1134 Versuche im Kanton Bern


In den ersten drei Jahren seit Bestehen dieser Massnahme konnten im Kanton Bern 1132 IV-Versicherte einen solchen Versuch starten. Zum Beispiel auch bei Christine Begert, Inhaberin der Begert Gastro AG und Geschäftsführerin des Restaurants Noa an der Murtenstrasse in Bern. Vier Personen hatten bei ihr Anfang Jahr einen Arbeitsversuch gestartet, deren zwei sind mittlerweile fest angestellt. Bei den anderen zwei hats schon zu Beginn nicht geklappt. Eine Frau Mitte 50 ist entgegen der Abmachung am ersten Tag gar nicht erschienen. Und ein rund 45-jähriger Koch, Bäcker und Konditor, gut ausgebildet, hat schon am ersten Tag sein Unbehagen ausgedrückt und die Arbeitsversuche der IV kritisiert. Er warf Arbeitgebenden, die für solche Versuche kostenlos zu Arbeitskräften kämen, Profitgehabe vor. «Da war für mich klar, dass die Chemie nicht stimmen kann», sagt Christine Begert in ihrem Restaurant im fünften Stock eines Industriegebäudes mit schönstem Blick auf den Bremgartenwald.


«Ans Herz gewachsen»


Umso mehr stimmt aber die Chemie mit den anderen beiden jungen Leuten, die mittlerweile im Restaurant Noa mit insgesamt 13 Mitarbeitenden angestellt sind. «Sie sind mir ans Herz gewachsen. Es könnten meine Kinder sein», sagt die Mutter zweier Kinder in ähnlichem Alter. Eine junge Frau, 20-jährig, gelernte Praktikerin Hauswirtschaft, arbeitet in der Lingerie, am Buffet und in der Küche. Als sie nach den Ferien zurückkam, sagte sie der Chefin: «Du hast mir gefehlt.» Das seien die ganz schönen Momente bei der Arbeit mit Leuten mit einer gesundheitlichen Einschränkung, meint Christine Begert. Auf der anderen Seite müsse man aber deren Limiten akzeptieren. Das gelte auch für den jungen Mann, der die Lehre als Küchenangestellter absolvierte. «Der Mann ist überhaupt nicht stressresistent, ist hochsensibel, hat aber ein erstaunlich grosses Wissen», sagt Christine Begert. «Beide hatten leuchtende Augen, als ich ihnen einen Arbeitsvertrag anbot.»


Auch wirtschaftliche Gründe


Die Geschäftsführerin des Mitte Januar eröffneten Restaurants verhehlt nicht, dass beim Arbeitsversuch auch wirtschaftliche Gründe mitspielen. Sie wusste nicht, wie gut sich der Betrieb anlassen werde. «Im Gastgewerbe sind die Personalkosten immens.» Deshalb sei sie auf die Idee gekommen, das Angebot der IV für solche Arbeitsversuche anzunehmen. «Ich wollte aber nur mit Leuten einen Versuch starten, von denen ich von Anfang an ein gutes Gefühl hatte, um ihnen nach der Versuchsphase einen Vertrag anbieten zu können.»


Erschienen in der BZ am 4. August 2015

Claude Chatelain